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Im Gespräch: Prof. Dr. Christof Günzl

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ ist ein Teil davon. Der folgende Inhalt ist aus dem Gespräch zwischen Robert Moser, Gründer von Wert-Impulse, und Prof. Christof Günzl entstanden. Schon 1978 hat er in seinem Buch Das Neue Denken die Entwicklung zu mehr Freiheit und Selbstständigkeit im ehemaligen Ostblock vorhergesehen. Sein Neues Denken ist eine Synthese aus den Erkenntnissen der Menschen und den komplexen Zusammenhängen dieser Welt. Dieses Neue Denken besagt, dass große Systeme, seien es nun biologische oder gesellschaftliche, nur dann lebensfähig sind, wenn die kleinen Strukturen ihre eigene Identität bewahren. In der partnerschaftlichen Wechselwirkung der Teile liegt der Fortschritt.

 

Kurzinhalt

 

Intuition und der Weg zur Philosophie

Günzls ungewöhnlicher akademischer Werdegang, sein Denken und seine Schriften bezeugen
das ganzheitliche Bewusstsein eines Philosophen, der seine Erkenntnisse stets im
Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Realität sieht.


Denkstrukturen und Evolution

Unsere Art und Weise zu denken ist Teil evolutionärer Prozesse. Eine solche Auffassung der
Denkstrukturen ermöglicht Prognosen hinsichtlich unserer gesellschaftlichen Zukunft.
Die Chancen und Möglichkeiten für einen ganzheitlichen Wandel liegen in unseren Händen.


Ganzheitliches Denken bedeutet Brücken bauen

Kleine Strukturen wahren in der Gesamtheit eines großen Systems ihre Identität und
bedingen sich gegenseitig. Es überbrückt und verbindet Gegensätzliches wie den christlichen
Glauben und die Naturwissenschaften.


Systemzusammenhänge und Evolution

Um eine nachhaltige Veränderung in unserer Gesellschaft zu bewirken, ist ein Denken in
Zusammenhängen erforderlich. Analog zu den wechselseitigen Vorgängen bei organischen
Zellen, muss die Gesellschaft ein ganzheitliches Denken erlernen, um ein menschengerechtes
Zusammenleben zu garantieren.


Generationenkonflikte

Ein untereinander hilfeleistendes Zusammenleben der älteren und der jüngeren Generation
ermöglicht eine gesunde Gesellschaft. Dieses Subsidiaritätsprinzip muss in der Familie
genauso wirken wie in der Politik und der Arbeitswelt.


FACIT

Menschliche Beziehungen, Familien, Unternehmen oder Gemeinden, Kulturen
oder Staatengebilde haben die Gesellschaft als gemeinsamen Nenner. Was
würde einem Baum geschehen, würden sich die Wurzeln über die Blätter
erheben wollen oder der Stamm über die Blätter? Die Gemeinschaft wäre
aufgrund dieses autoritären Anspruchs geschädigt. Der gemeinschaftliche
Haushalt unausgewogen und gefährdet. Über kurz oder lang käme der
Zusammenbruch des Systems.

 

Struktur und Existenz. Versuch einer Synthese von Ordnung und Freiheit
(Linz, 1968)
Das Buch geht in dieser Arbeit der Frage nach, wie die Freiheit des menschlichen Individuums sich in der zunehmend integrierenden Gesellschaft gesichert und entfaltet werden kann.

Das Neue Denken als Bedingung einer Einheit von Theorie und Praxis
(Linz, 1974)
Prof. Günzl geht es in diesem Buch darum, die Konturen und Hauptelemente einer die Welt überlagernden geistigen Schicht frei zu machen und eine neue Denkform für die Eine Welt zu entwerfen.

Fortschritt zum Frieden. Versuch über die geistigen und strukturellen Prämissen des Friedens
(Linz, 1981)

 

 

Inhalt

 

 

 

Prof. Dr. Christof Günzl

 

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

 

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile ist ein Teil davon. Der folgende Inhalt ist aus dem Gespräch zwischen Robert Moser, Gründer von Wert-Impulse, und Prof. Christof Günzl entstanden. Schon 1978 hat er in seinem Buch Das Neue Denken die Entwicklung zu mehr Freiheit und Selbstständigkeit im ehemaligen Ostblock vorhergesehen. Sein neues Denken ist eine Synthese aus den Erkenntnissen der Menschen und den komplexen Zusammenhängen dieser Welt. Dieses neue Denken besagt, dass große Systeme, seien es nun biologische oder gesellschaftliche, nur dann lebensfähig sind, wenn die kleinen Strukturen ihre eigene Identität bewahren. In der partnerschaftlichen Wechselwirkung liegt der Fortschritt.

 

 

 

 

Stationen im Leben von Prof. Günzl:

Intuition und der Weg zur Philosophie

 

Günzls ungewöhnlicher akademischer Werdegang, sein Denken und seine Schriften bezeugen das ganzheitliche Bewusstsein eines Philosophen, der seine Erkenntnisse stets im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Realität sieht.

 

Prof. Günzls akademischer Werdegang besitzt etwas Ausgefallenes und Ungewöhnliches. Als junger Mann und bis in die Studienzeit hinein war er vor allem sportlich ambitioniert. Skifahren und Skispringen gehörten zu seinen bevorzugten Sportarten. Doch im Jahr 1936 widerfuhr ihm merkwürdiges Erlebnis: Prof. Günzl schiebt sein Fahrrad auf einen Hügel hinauf. Von oben erblickt er die Landschaft und erlebt eine Intuition. Plötzlich sieht er die Welt in ihren ganzen Zusammenhängen wie durch Glas hindurch. Er spürt wie alles miteinander zusammenhängt und wie alles sich bewegt. Von mystischen Erlebnissen wissen auch manche andere Menschen zu berichten. Die meisten jedoch sprechen nicht darüber, weil diese Erlebnisse schwer an Mitmenschen zu vermitteln sind. Daher wundert es nicht, dass jene glauben, man würde scherzen. Mystiker sind also eher ruhige Menschen.

 

Dieses mystische Erlebnis veränderte das bisherige Leben Günzls schagartig: aus einem Sportler wurde ein Philosoph. Aber ein Philosoph, der von Anfang die Theorie und die Philosophie ununterbrochen in Verbindung mit der Realität gebracht hat. Zu bedenken ist auch die Zeit, in der Günzl seine Philosophie entwickelte. Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren neuen Problemen, aber auch ihren neuen Erkenntnissen. Es entstanden neue Machtblöcke und die Furcht vor einem Einsatz von Atombomben. Die Wissenschaftler gewannen neue Einblicke in die Physik und es entstanden bahnbrechende Möglichkeiten in der Verkehrs- und Nachrichtentechnik. Man hatte das Gefühl, dass die Welt umbrechen und das etwas vollkommen anderes entstehen würde. Plötzlich stand die Menschheit vor einer Situation, die es niemals zuvor gegeben hatte: Entweder sie wird die Ökosphäre weiter ruinieren und sich so über kurz oder lang selbst ausrotten. Oder die Menschheit wird für eine Veränderung bereit sein. Diese Bruchsituation der geschichtlichen Entwicklung des Menschen faszinierte freilich einen Menschen wie Prof. Günzl, der die inneren Bewegungen als Teile eines großen Ganzen begriff.

 

Möchte man die Realität mitgestalten, so ist die Politik ein unvermeidlicher Einstieg. Prof. Günzl gründete einen Arbeitskreis für politische Theorie, dem unter anderem auch Prof. Riedl1 und Prof. Gabriel2 angehörten. Insbesondere von Prof. Gabriel verdankt Günzl wichtige Denkanstöße. Prof. Gabriel verstand das Denken als Bewegung, als eine Bewegung zum Sein. Dies bedeuted, dass sich auch die Denkstruktur des Menschen als Teil der Evolution weiter entwickelt. Diese Ansicht war zu dieser Zeit noch neu, setzte man doch Evolution mit Darwinismus gleich. Erster später wurde die gesamte Tragweite der neuen Betrachtungsweise deutlich. Die Evolution ist ein Prozess, der den Kosmos ingesamt ergreift, d.h. alles ist Evolution. Unser persönliches Leben, unsere Geschichte und eben auch unser Denken – Prof. Gabriel beschrieb dies in seiner integralen Logik in der Bewegung des Denkens später ausführlich – sind so vorgezeichnet wie die Evolution selbst vorangeht. Mit dieser neuen Ansicht einer Evolution der Denkstruktur konnte die moderne Evolutionslehre erweitert und ergänzt werden.

 

Für Prof. Günzl war der Philosophenkongress in Varna (Bulgarien) im Jahr 1978 ein Höhepunkt seiner akademischen Karriere. Es war das erste Mal, dass ein Weltkongress der Philosophie in einem kommunistischen Land stattfand. Die Kommunisten hatten den Teilnehmern aus dem Westen versprochen, dass keine Zensur bestünde. Folglich führten Philosophen und Wissenschaftler aus beiden Lagern sehr offene Gespräche miteinander und tauschten Ideen und Theorien aus. Während dieser Konferenz stellte Prof. Günzl auch sein Buch Das Neue Denken als Bedingung zur Einheit von Theorie und Praxis vor und sprach mit russischen Philosophen über eine mögliche Weiterentwicklung des Dialektischen Materialismus3. Sie meinten, dass sie selbst nicht an den Dialektischen Materialismus glaubten, aber dies nicht öffentlich machen könnten, da ansonsten eine Revolution ausgelöst werden würde mit unvorstellbaren Folgen für die Welt. Daher entschieden sich die kommunistischen Philosophen die neuen Denkweisen nur langsam voranzutreiben. Prof. Günzl pflegte diese Kontakte mit russischen Kollegen. Bei weiteren Kongressen berichteten sie stets über ihre neuen Erkenntnisse und Forschungen. Er stellte fest, dass die Intellektuellen im kommunistischen Osten ähnlich über die Verbindung von Evolutionstheorie4 und Systemtheorie5 dachten.

 

Auch Gorbatschow bediente sich dieses Neuen Denkens und löste damit schließlich eine Weltrevolution aus. Aber nicht im Sinne Marx’, sondern im Sinne einer Weiterentwicklung der Marxschen Denkstrukturen. Zugleich berührte diese Entwicklung westliche Werte. Das, was Gorbatschow mit diesem Denken leistete und erreichte, war von immenser Bedeutung für die Geschichte des Menschen. Er handelte und dachte wie es für einen Marxisten ganz und gar unwahrscheinlich war. Chrutschow dagegen wollte den Westen noch in die Kniee zwingen. Damit verdeutlichte er das verheerende gegensätzliche Denken, das eine Einheit nur in der Vernichtung des Feindes sah. Gorbatschow jedoch war sich darüber im Klaren, dass der Kommunismus nicht die alleinige Wahrheit sein könnte. Er erkannte, dass ein Zusammenspiel beider Systeme nötig war, um auf einer nächst höheren Ebene ein gemeinsames Existieren zu gewährleisten. Innerhalb des gemeinsamen Existierens gibt es verschiedene Methoden, die sich im Wettstreit miteinander arrangieren. Die Vorstellung, dass die eine Klasse die andere umbringt und ausschaltet, wurde aufgegeben. Es war eine Revolution, die das Wesen des Marxismus vollkommen verwandelte. Wie die Geschichte uns gezeigt hat, gab es ab einen bestimmten Zeitpunkt kein Zurück mehr. Denn die Dynamik, die von Gorbatschows Perestroika ausging, wurde vom Freiheitsdrang der Menschen ausgelöst. Diese Dynamik entfachte eine Neubewertung des Personenbegriffs und der persönlichen Freiheit.

 

Denkstrukturen und Evolution

 

Unsere Art und Weise zu denken ist Teil evolutionärer Prozesse. Eine solche Auffassung der Denkstrukturen ermöglicht Prognosen hinsichtlich unserer gesellschaftlichen Zukunft. Die Chancen und Möglichkeiten für einen ganzheitlichen Wandel liegen in unseren Händen.

 

Prof. Günzl hat in seinen Schriften vielfach vorhergedacht und –gesehen was in näherer und ferner Zukunft eintreten würde. Die damaligen Entwicklungen im Osten Europas sollten heutzutage vor allem jene nachdenklich stimmen, die noch immer zu vereinfachten Denkweisen und falschen Hoffnungen neigen. Jene, die im Nachinein fassungslos sagen: Was für eine Katastrophe! Hätten wir doch rechtzeitig Warnungen erkannt und bessere Einsichten verfolgt.

 

Eine Denkstruktur, die als Teil des evolutionären Prozesses aufgefasst wird, ermöglicht Prognosen. Ausgehend von einem solchen Verständnis der Denkstruktur, kann man Entwicklungem mit relativ großer Wahrscheinlichkeit voraussagen. Dies ist für alle Menschen von Bedeutung, ob Politiker, Journalist oder Geschichtsphilosoph. Diejenigen, die in diesen Bereichen etwas erreichen möchten, sollten sich diese Denkstruktur aneignen. So wird man in der Lage sein die Zusammenhänge der inneren Bewegungen zu begreifen. Man weiß, wo man Schwerpunkte setzen kann und schließlich vermag man auch Zukunftsprognosen leichter finden. Freilich treten solche Prognosen nicht wie der Orientexpress in Paris ein. Aber die Wahrscheinlichkeiten sind deutlich erkennbar – und das bedeuted Chancen. Eben weil die Prognosen nicht determiniert sind wie der Fahrplan eines Zuges, sondern immer nur Wahrscheinlichkeiten bieten, hat man die Möglichkeit frei zu entscheiden, Wahrscheinlichkeiten auszunutzen und zu realisieren. Somit ist diese Denkweise fraglos das neue Pradigma für unsere Epoche. Obwohl dieses Denken im Prinzip einfach zu begreifen ist, ist der Sprung dahin für viele Menschen schwer. Dennoch sollte man sich vor Augen halten, dass gerade jetzt die Zeit für ein neues Denken und damit für einen ganzheitlichen Wandel angebrochen ist.

 

Der evolutionäre Prozess, der den Kosmos ingesamt erfasst, führt dazu, dass stufenweise immer höhere und komplexere Strukturen entstehen. In der Geschichte des Menschen ist das leicht zu erkennen. Zuerst gab es Horden, Stämme, später Nationen, kontinentale Integrationen und schließlich Welthälften. Jetzt ist die Chance gegeben, dass die Menschheit sich zu einer Einheit, wie auch immer sie organisiert sein mag, zusammen schließt. Die Evolution baut Strukturen stufenweise aus, lässt aber den integrierten Teilstrukturen ihre Identität. Das ist das Besondere dieses Integratrionsprozesses, der ja die Evolution ist, dass die Teile im Ganzen eben nicht ihre Identität verlieren. Das ist eine ganz wesentliche Erkenntnis. Man kann es auch so formulieren: Ein Kärntner bleibt ein Kärntner in Österreich, in Europa und in der Welt. Und auch der Österreicher bleibt ein Österreicher im deutschsprachigen Raum und in Europa.

 

Die Natur verdeutlicht die eigenständige Identität eines Teiles im Zusammenhang eines größeren System besonders eindringlich. Ein Baum besteht aus der Summe seiner Einzelteile. Wurzeln, Stamm, Äste und Blätter sind Einzelteile, die nicht voneinander getrennt exisitieren können. Die individuellen Fähigkeiten dieser Bausteine sind gänzlich verschieden und dienen dennoch oder gerade deshalb dem übergeordneten Ganzen, dem Baum, dessen ganzheitliches Zusammenwirken das Überleben aller gewährleistet.

 

Ganzheitliches Denken bedeuted Brücken bauen

 

Kleine Strukturen wahren in der Gesamtheit eines großen Systems ihre Identität und bedingen sich gegenseitig. Es überbrückt und verbindet Gegensätzliches wie den christlichen Glauben und die Naturwissenschaften.

 

Das Fundament der christlichen Wahrheit kann mit der folgenden Triade dargestellt werden: Das Sein als Polarität bewegt sich zwischen dem göttlichen Einen und der Vielheit der Welt. Das dazwischen liegende Spannungsfeld ist als Liebe zu begreifen, als eine Anziehungskraft, das gleichzeitig als Zentrum zu verstehen ist. Es ist die Liebe, die die Vielheit der Welt langsam zu harmonischen Komplexen zusammen zwingt, wobei dieses Zusammenführen nicht ohne Krisen, Kriegen und Kämpfe abläuft. Die Einzelteile müssen sich immer angleichen, bevor sie sich in das größere Ganze einfügen können. Sie verlieren zwar nicht ihre Identität, aber ihren Egoismus müssen sie wenigstens teilweise abbauen, um im größeren Komplex mit den anderen Teilen zusammmen spielen zu können. Dieser stufenweise Aufbau der Wirklichkeit gestattet jeder Stufe eigene Wirkungsbereiche, eigene Freiheitsräume, eigene Identitäten, aber immer hingeordnet auf das größere Ganze. Das ist nur möglich, wenn man die Wirklichkeit in dieses Feld der Stufen eingetaucht sieht. Denn andernfalls ist das charakteristische Merkmal der Evolution zu mehr Zusammenhang, zu mehr Harmonie schlichtweg unerklärlich. Auch das Phänomen der Stabilität ist nicht erklärbar, wenn man nicht ein Feld zusammenzwingender Energie – im religiösen Sinne der Satz „Gott ist Liebe“ – voraussetzt.

 

Denn überraschenderweise akzeptiert die Enzyklika Laborem Exercens6 die Evolution so wie sie heute von der Wissenschaft verstanden wird. Christus hat gesagt: Mein Vater ist immer noch am Werk. Damit meinte er nichts anderes, als dass die Evolution ein permanenter Schöpfungsakt ist. Und der Mensch hat die Aufgabe an diesem Schöpfungsprozess mit zu wirken. Wenn wir davon ausgehen, dass heute in der Weltgeschichte ein großer Umdenkprozess stattfindet, also eine Mutation der Denkstrukturen, ein Quantensprung in unseren Bewusstseins- strukturen, dann muss dieser Vorgang natürlich erfasst und erlernt werden. Es ist nötig, einen Lernprozess in Gang zu setzen, der diese neuen Denkformen und Zusammenhänge erkennt, definiert und artikuliert. Daher muss dies ein wesentlicher Bestandteil unseres Bildungszieles werden.

 

Im scheinbaren Gegensatz von Wissenschaft und Glaube wird der notwendige Wechsel zu einem ganzheitlichen Denken offenkundig. Es ist dies die letzte große Spaltung der Menschheit, die Wissenschaft und Glaube seit drei Jahrhunderten als zwei verschiedene Bereiche begreift. Wie kann ein Mensch auf der einen Seite ein gläubiger Christ und auf der anderen Seite ein exakter Naturwissenschaftler sein, der alle metaphysischen Faktoren ausschließt? Ein solcher Mensch muss in sich zerrissen sein. Doch vergessen wir allzuhäufig, dass im Menschen selbst diese beiden Bereiche miteinander verbunden sind.

 

Das ganzheitliche Denken hat gegenüber geschlossenen Denksystemen den unüberbietbaren Vorteil, dass sämtliche geschlossenen im ganzheitlichen Denken Platz finden. Hingegen findet der enge Kommunismus im engen Kapitalismus keinen Platz und umgekehrt. Der Nihilismus7 nicht im Existentialismus8. Der religiöse Glaube nicht in der Wissenschaft. Das ganzheitliche Denken vermag die unflexiblen Einzelstrukturen ineinander zu verbinden. Zusammenhänge und Wechselwirkungen werden klar und scheinbare Gegensätze aufgehoben.

 

Systemzusammenhänge und Evolution

 

Um eine nachhaltige Veränderung in unserer Gesellschaft zu bewirken, ist ein Denken in Zusammenhängen erforderlich. Analog zu den wechselseitigen Vorgängen bei organischen Zellen, muss die Gesellschaft ein ganzheitliches Denken erlernen, um ein menschengerechtes Zusammenleben zu garantieren.

 

Prof. Günzl erzählt folgende Geschichte, die auch in seinem Buch Kleine Geschichten für Grübler und Schmunzler nachzulesen ist:

 

„Ich bin zu Hause in Velden am Wörthersee, wo meine Familie Eigentümer des Schlosshotels ist. Wie man weiß, gibt es im Sommer immer einen großen Andrang von Menschen, die hier das süße Leben genießen wollen. Das ist ja das Typische am Wörthersee. Damals gab es zu dieser Jahreszeit immer eine Segelregatta, die acht Tage lang dauerte. Die Leute hielten sich im Kurpark auf und schauten sich das Schauspiel von den Straßen aus an. Wenn dann der letzte Segler durch die Ziellinie fuhr, stürmten alle Menschen in die Kaffeehäuser. Und unsere Marlene im Café am Strand war zu diesem Zeitpunkt stets sehr nervös. Sie fragte sich immer, wann wohl all die Leute kommen würden, weil dann die ganze Arbeit gleichzeitig anfangen würde. Die Oberkellnerin Frau Hilde meinte zu einer kleinen Kellnerin aus Kärnten, die nicht so viel vom Segeln verstand: ‚Geh’ mal hinunter und schau’ ob die Regatta nicht bald aus ist!’ Die Kellnerin entgegnete ihr: ‚Wo soll ich denn schauen?’ ‚Auf den See’ war die Antwort. Sie ging dann hinunter zum See; nach 10 Minuten kam sie zurück und sagte: ‚Ich kann überhaupt keine Regatta sehen, denn der See ist voller Segelboote.’“

 

Diese Geschichte zeigt, dass hier ein System nicht erkannnt worden ist. Die Kellnerin hat nur die Elemente des Systems, also die einzelnen Boote gesehen. Sie hat nur das gesehen, was man tatsächlich sieht. Das Zusammenspiel dieser Boote, dass durch die Regattaregeln hergestellt wird, konnte sie nicht sehen. Nur die Details wurden wahrgenommen, aber nicht der Zusammenhang. In der Politik und im menschlichen Leben verhält es es häufig ähnlich: Die Menschen erkennen oft nur die einzelnen Boote und nicht die Regatta, nicht den Zusammenhang. Hier besteht eine notwendige Weiterentwicklung des Denkens. Es bedarf einer Veränderung des Denkens in Kausalzusammenhängen9 hin zu einem Denken in Systemzusammen-

hängen10.

 

Das unveränderte und herkömmliche Denken in Kausalzusammenhängen wird für unser weiteres gesellschaftliches Leben, für unsere Zivilisation, über kurz oder lang eine auswegslose Sackgasse sein. ‚Wie du mir, so ich dir’, sagen die einen und schlagen zurück. Auf dieser Ebene gibt es keinen Fortschritt. Denken und Handeln bleiben im zerstörenden Kreislauf von Schlagen und Geschlagenwerden. Tierische Evolutionsprinzipien als historisch gewachsener Irrwitz der Menschheitsgeschiche enden im rassistischen, ideologischen, ökologischen und militärischen Auslöschen der anderen.

 

Methodische Voraussetzung für ein Denken in Systemzusammenhängen ist die Systemtheorie. Der österreichische Philosoph Ludwig von Bertalanffy11 war der Schöpfer der Systemtheorie. Zwar hatten Wissenschaftler schon früher von Systemen geredet und vieles darüber gewusst. Bertalanffy war jedoch der erste, der dies systematisch bearbeitete. Die Systemtheorie, die inzwischen an Universitäten gelehrt wird, ist an und für sich noch eine recht neue Wissenschaft. Diese Theorie ermöglichte es, die Evolution nicht nur als Vorgang im organischen Bereich zu begreifen, sondern sie darüber hinaus auch auf die Geschichte und das Denken des Menschen anzuwenden. Freilich äußern sich die evolutionären Gesetzmäßigkeiten in den unterschiedlichen Bereichen sehr verschieden. Dennoch sind gewisse Grundgesetze verbindlich. Erstens, dass die Evolution zunehmend zu komplexeren Strukturen führt und zweitens, dass dies stufenweise geschieht. Es entwickeln sich Strukturen, z.B. Zellen in der Urgeschichte oder im mütterlichen Leib, die sich zu Zellvereinen zusammen schließen. Erst später kommt es zu einem weiteren Prozess und aus dem Zellverein entwickelt sich ein mehrzelliges Lebewesen. Trotzdem haben die einzelnen Zellen ihre Identität nicht verloren. Sie haben sich nur im neuen Komplex andere Aufgaben und andere Stellungen angeeignet. Die Zellen gelangen auf diese Weise zu neuen Möglichkeiten und auch zu neuen Freiheiten. Es gilt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Denn das Zusammenwirken der einzelnen Zellen bildet eine neue Wirklichkeit, ein neues Ganzes, ein neues System. Jedes neue System ist somit als Schöpfungsakt anzusehen, aus dem auf jeder nächsten höheren Stufe ein weiteres Geschöpf entsteht.

 

In seinem Buch Fortschritt zum Frieden zeigt Prof. Günzl die Möglichkeiten auf, wie die neuen Erkenntnisse in der Realität umsetzbar sind, um gemeinsam an einer menschengerechteren Welt zu arbeiten. Die menschliche Geschichte ist ein Prozess, der evolutionären Gesetzen gehorcht. Nicht im kausal determinierten Sinn, sondern im Sinn von Wahrscheinlichkeitsprozessen, die auch Abweichungen, Abirrungen, Rückschläge und Zusammenbrüche mit sich bringen können. Dennoch bleibt die charakteristische Tendenz die, das immer größere Räume, immer größere Systeme und Strukturen mehr oder weniger harmonisch miteinander auskommen. Seien es nun menschliche Gemeinschaften oder Zellen, das Prinzip bleibt gleich: Zuerst sind es Gegner, der eine besiegt und begräbt den anderen. Dann wird erkannt, dass man miteinander auskommen muss, um die Welt oder den Oragnismus nicht zu ruinieren. Schließlich wird verstanden, dass die Gegensätze eigentlich Unterschiede sind und dass man sich in einem größeren Ganzen wechselseitig ergänzt. Am Schluss findet man sich in einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit wieder.

 

Generationskonflikte

 

Ein untereinander hilfeleistende Zusammenleben der älteren und der jüngeren Generation ermöglicht eine gesunde Gesellschaft. Dieses Subsidiaritätsprinzip muss in der Familie genauso wirken wie in der Politik und der Arbeitswelt.

 

In unserer Gesellschaft bringen Generationskonflikte das gemeinschaftliche Zusammenleben aus der Balance. Ganzheitliches Denken bedeuted auch hier die Chance, das gegenseitige Verständnis der Generationen zu fördern. Zwar hat sich in den letzten Jahrzehnte einiges geändert, aber die Lösung ist noch nicht gefunden. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass in einer Gesellschaft alle Generationen ihre funktionellen Aufgaben besitzen. Die junge Generation konzentriert sich auf Einzelthemen. Häufig ist ihr Handeln und Denken aggressiv und kompromisslos. Die ältere Generation dagegen erkennt eher den Zusammenhang. Sie hat die Aufgabe die Einzelbewegungen in einen größeren Zusammenhang einzufügen. Es ist zu betonen, dass die Einzelvorstöße der jungen Generation notwendig sind, weil die Gesellschaft sonst erstarren würde. Auf der anderen Seite wiederrum würde die Gesellschaft zerbrechen, wenn nicht die koordinierende Funktion der älteren Generation wäre. Und genau an diesem Punkt ist anzusetzen. Die koordinierende Funktion ist nicht mehr hinreichend gegeben, weil das ganzheitliche Denken sich noch nicht weit genug durchgesetzt hat. Es herrschen noch immer alte Denkweisen, die für die heutigen Probleme nicht mehr angemessen sind. Ebenso muss der jüngeren Generation, die zumindest teilweise zu sehr extremen Vorstellungen neigt, gezeigt werden, dass ihre eigenen Initiativen sinnvoll in größere Zusammenhänge eingefügt werden können. Daher gilt es, ihnen diese Zusammenhänge plausibel zu machen. Dieses Wechselspiel ist noch nicht gegeben. Dies ist ein Lernprozess muss als solcher in unser Bildungsziel integriert werden.

 

Der Generationskonflikt ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein staatlicher Zentralismus viele Probleme nicht lösen kann und soll. Der Staat soll nicht hineingreifen bis in das Leben des einzelnen Menschen. Aber umgekehrt sollte der Einzelmensch auch nicht mit all seinen Bedürfnissen und Wünschen den Staat verantwortlich machen. Es muss jede Ebene das ausführen, was ihr zukommt. In der christlichen Sozialphilosophie ist das das Subsidiaritätsprinzip – subsidum heißt Hilfe – in der die übergeordnete Struktur der untergeordneten Struktur Hilfe leistet. Die übergeordnete Struktur ebnet der untergeordneten Struktur Wege, sie gibt den Rahmen für ihre Tätigkeit und setzt schließlich Sinn für deren Tun. Es ist ein Prinzip, welches sehr variabel in der Realisierung ist. Das Subsidiaritätsprinzip betont die Mitbestimmung und Entfaltungsmöglichkeiten jedes einzelnen Individuums innerhalb der dynamischen Gesamtheit der Gesellschaft. Vor allem in der Arbeitswelt kommt dem Subsidiaritätsprinzip besondere Bedeutung zu. Denn in Unternehmen lässt sich dieses Prinzip zweifellos in weit höherem Maße durchführen als in anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen. Eine Reihe von Entscheidungen und Verantwortunlichkeiten, die meistens in der Unternehmensspitze konzentriert sind, kann man ohne Gefahr für die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens auf untergeordnete Ränge der betrieblichen Hierarchie dezentralisieren. Das Subsidiaritätsprinzip eröffnet uns also eine Vielzahl von Möglichkeiten für wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Intitiativen. Nutzen wir sie!

 

 

Fazit

 

Menschliche Beziehungen, Familien, Unternehmen oder Gemeinden, Kulturen oder Staatengebilde haben die Gesellschaft als gemeinsamen Nenner. Was würde einem Baum geschehen, würden sich die Wurzeln über die Blätter erheben wollen oder der Stamm über die Blätter? Die Gemeinschaft wäre aufgrund dieses autoritären Anspruchs geschädigt. Der gemeinschaftliche Haushalt unausgewogen und gefährdet. Über kurz oder lang käme der Zusammenbruch des Systems.

 

 

Auswahl Veröffentlichungen

 

Struktur und Existenz. Versuch einer Synthese von Ordnung und Freiheit

(Linz, 1968)

 

Das Buch geht in dieser Arbeit der Frage nach, wie die Freiheit des menschlichen Individuums sich in der zunehmend integrierenden Gesellschaft gesichert und entfaltet werden kann.

 

Das Neue Denken als Bedingung einer Einheit von Theorie und Praxis

(Linz, 1974)

 

Prof. Günzl geht es in diesem Buch darum, die Konturen und Hauptelemente einer die Welt überlagernden geistigen Schicht frei zumachen und eine neue Denkform für Eine Welt zu entwerfen.

 

Fortschritt zum Frieden. Versuch über die geistigen und strukturellen Prämissen des Friedens

(Linz, 1981)

 

 

1 Prof. Rupert Riedl (1925-2005) österreichischer Zoologe; bekannt geworden vor allem für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Meeresforschung und der Evolutionären Erkenntnistheorie.

 

2 Prof. Leo Gabriel (1902-1987) österreichischer Philosoph; sein philosophisches Lebenswerk kann als wegweisender Versuch verstanden werden, die beiden Hauptströmungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts, die analytische und die phänomenologische, miteinander in Beziehung zu setzen. 1965 erschien sein Hauptwerk Integrale Logik.

 

3 Dialektischer Marxismus ist die wissenschaftliche Lehre des Marxismus von den allgemeinen Bewegungs-, Entwicklungs-, und Strukturgesetzen der Natur und der Gesellschaft. Basiert auf der Geschichtstheorie von Karl Marx und Friedrich Engels.

4 Die Evolutionstheorie erklärt und beschreibt Ursprung, Entwicklung und Vielfalt des Lebens auf der Erde. Die Evolutionstheorie ist eine naturwissenschaftliche Theorie der Biologie, in die sämtliche Erkenntnisse biologischer Teildisziplinen wie Morphologie, Anatomie, Zellbiologie, Verhaltensforschung u.a. einfließen.

5 Die Systemtheorie ist ein interdisziplinäres Erkenntnismodell, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung unterschiedlich komplexer Phänomene herangezogen werden. Die Systemtheorie ist keine eigene Disziplin, sondern ein weitverzweigter und heterogener Rahmen für einen interdiszilinären Diskurs, der den Begriff ‚System’ als Grundbegriff führt.

6 Eine Enzyklika ist eine vom Papst veröffentlichte Abhandlung. Enzykliken behandeln grundsätzlich Themen der Glaubensverkündigung. Im 20. Jahrhundert folgen die Sozialenzykliken. In der Enzyklika Laborem Exercens aus dem Jahr 1981 schreibt Papst Johannes Paul II. über die Arbeit als eines der Kennzeichen des Menschen, die ihn von anderen Geschöpfen unterscheidet.

7 Nihilismus (lat.: nihil; nichts) bezeichnet eine Weltanschauung, die eine vorfindbare Sinnhaftigkeit der Welt bestreitet. Objektive Erkenntnismöglichkeit und feststehende Wahrheiten verneint.

8 Der Existentialismus setzt sich mit der Selbstbestimmung des Menschen als biologisches, vernünftiges und gottähnliches Wesen auseinander. Folglich versteht sich der Mensch nur im Erleben seiner selbst durch elementar menschliche Erfahrungen wie Angst, Tod, Freiheit, Veratnwortung und Handeln.

9 Kausalität bezeichnet die Beziehung zwischen Ursachen und Wirkungen, also die ursächliche Verbindung zweier Ereignisse.

10 Ein System ist ein Gefüge, ein Prinzip, eine Ordnung, in dem verschiedene Elemente miteinander in Beziehung stehen und ein zusammengestelltes Ganzes bilden.

11 Ludwig von Bertalanffy (geb. 1901 bei Wien, gest. 1972 in New York) war einer der bedeutendsten Biologen und Systemtheoriker des 20. Jahrhunderts. Er verfasste eine Allgemeine Systemtheorie, die gemeinsame Gesetzmäßigkeiten in physikalischen, biologischen und sozialen Systemen zu finden und zu formalisieren versucht.