Originalfilm

 

Im Gesp.: Ing Alois Tragler u. J. Spernbauer

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Der ökosoziale Weg – Erfolgsmodelle aus Schlierbach ist ein Teil davon, in dem einige für diesen zukunftsorientierten Weg maßgebliche Personen, die die Hintergründe und die Geisteshaltung dazu offen legen. Alois Tragler, Josef Spernbauer und Prof. Dr. Hans Millendorfer berufen sich auf die Regelkreise der Natur und die damit verbundene Verantwortung für Mensch und Umwelt. Bodenbewirtschaftung und Tierhaltung ohne Chemie ist eine notwendige Voraussetzung, um die Gesundheit und das ökologische Gleichgewicht für Mensch, Tier und Natur wiederherzustellen.

 

Kurzinhalt

* Der Ökosoziale Weg: von der Theorie zur Praxis
Schlierbach positioniert sich in Österreich als maßgeblicher Impulsgeber für
zukünftiges Leben und Wirtschaften im ländlichen Raum.

* Konsumenten und Bauern
Konsumenten und Bauern gehen einen gemeinsamen Weg, der kleine Einheiten
fördert und miteinander vernetzt. Natur und Region werden geschützt und gestärkt.

 

* Ökologisches Gleichgewicht
Die ökologische Kreislaufwirtschaft ist im Interesse des Bauern. Hier kommt seine
besondere Fähigkeit im Umgang mit dem Lebendigen zum Tragen.

 

* Kreislaufwirtschaft
Die ökologische Kreislaufwirtschaft ist im Interesse des Bauern. Hier kommt seine
besondere Fähigkeit im Umgang mit dem Lebendigen zum Tragen.
Am Beispiel des Getreides erklärt von einem Bauern

 

* Der Bauernmarkt – Impulsgeber für eine ländliche Region
Im Vordergrund steht die Direktvermarktung von regionalen Qualitätsprodukten der
Bauern. Der Markt ermöglicht überdies den persönlichen Kontakt zwischen Erzeuger
und Konsumenten.
Der Obmann der Bauern meint hierzu; und eine Landwirtin sagt ihre Meinung dazu

* Neue Wege gehen – landwirtschaftliche Fachschulen als Lern- und
Erfahrungszentrum
Der Wissens- und Erfahrungsaustausch von Lehrenden und Landwirten gewährleistet
das Gleichgewicht von Praxis und Theorie des ökosozialen Weges.

 

* Marktanteile gewinnen durch regionale Produkte und Innovationen
In der Landwirtschaft wie im Energiesektor gilt es die Abhängigkeit von Importen zu
reduzieren – zugunsten einer besseren Wertschöpfung in der eigenen Region.

 

oekosozialerweg
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Inhalt

 

Wertorientierte Entwicklungen

 

Der ökosoziale Weg

Erfolgsmodelle aus Schlierbach

 

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Der ökosoziale Weg – Erfolgsmodelle aus Schlierbach ist ein Teil davon, in dem einige für diesen zukunftsorientierten Weg maßgebliche Personen, die die Hintergründe und die Geisteshaltung dazu offen legen. Alois Tragler, Josef Spernbauer und Prof. Dr. Hans Millendorfer berufen sich auf die Regelkreise der Natur und die damit verbundene Verantwortung für Mensch und Umwelt. Bodenbewirtschaftung und Tierhaltung ohne Chemie ist eine notwendige Voraussetzung, um die Gesundheit und das ökologische Gleichgewicht für Mensch, Tier und Natur wiederherzustellen.

 

Der ökosoziale Weg: von der Theorie zur Praxis

 

Schlierbach positioniert sich in Österreich als maßgeblicher Impuls- geber für zukünftiges Leben und Wirtschaften im ländlichen Raum.

Der oberösterreichische Ort Schlierbach liegt zwischen dem Nationalpark Kalkalpen und dem Seengebiet im Salzkammergut inmitten einer Region voller Vielfalt und Abwechslung. In dieser einzigartigen ländlichen Kulturlandschaft haben die Bürger Schlierbachs beispielhaft mit zahlreichen Projekten bewiesen, dass eine Steigerung der Lebensqualität und eine prosperierende Wirtschaftsentwicklung miteinander in Einklang stehen können. Das Modell der Nahversorgung, der erfolgreiche Bauernmarkt mit eigenen Produkten, die Aktivitäten der landwirtschaftlichen Fachschule sowie Innovationen in der regionalen Energieversorgung sind konkrete Ergebnisse diesen Weges, der Mensch und Natur gleichermaßen berücksichtigt. Der ökosoziale Weg nach Prof. Dr. Hans Millendorfer steht hierbei im Vordergrund. Prof. Dr. Hans Millendorfer, ein anerkannter Sozialwissenschaftler und Zukunftsforscher1, war seiner Zeit voraus, als er die Bedeutung des ländlichen Raums für die gesamte Gesellschaft erkannte. Er betont die Fähigkeiten des Landwirts im Umgang mit dem Lebendigen, die der Industriegesellschaft abhanden gekommen und die für eine wertorientierte Gesellschaft notwendig sind. Der Bauer ist Vermittler und Erhalter von Tradition, Kultur und Natur gleichermaßen. Die außergewöhnliche hohe Anzahl von biologisch wirtschaftenden Landwirten in Schlierbach beweist, dass eine Umkehr zu mehr Lebensqualität möglich ist.

Alois Tragler, einer der maßgeblichen Bio-Pioniere in Österreich, fasst diese Entwicklung zusammen:

„Die Zielsetzung und Realisierung des ökosozialen Wegs bringt uns ausreichende Wertschöpfung, mit der unsere Strukturen abgesichert und neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Sie steht im Einklang mit unserem Naturraum, um weiterhin ein hohes Maß an Lebensqualität für alle Bevölkerungsgruppen zu gewährleisten. Sie stärkt unser soziales Miteinander und unsere Beziehungskultur. In der Gemeinsamkeit liegt unsere Stärke.“

Konsumenten und Bauern gehen einen gemeinsamen Weg, der kleine Einheiten fördert und miteinander vernetzt. Natur und Region werden geschützt und gestärkt.

Ein Schlierbacher Landwirt hierzu:

„Der ökosoziale Weg ist nicht nur eine Theorie, sondern wir setzen dies modellhaft in die Praxis um. Wir alle, Konsumenten und Bauern, haben festgestellt, dass die Landbewirtschaftung in den letzten Jahren zu ökonomisch durchgeführt worden ist. Wir befinden uns in einer Situation, in der wir ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt die Erträge mit Fremdstoffeinsatz wie Düngemittel, Pflanzenschutzmittel und Medikamenten erhöhen. Wir möchten uns aus dieser Entwicklung gemeinsam mit dem Konsumenten zurückziehen.“

Ökosozial wirtschaften und handeln bedeutet, dass Landwirte nicht miteinander konkurrieren, sondern partnerschaftlich zusammenarbeiten. Nur so ist eine Alternative auf das bislang dominierende Modell des Wachsens und Weichens zu geben. Kennzeichnend für die Wirtschaftsordnung heute ist, dass im Verdrängungskampf die großen wirtschaftlichen Einheiten die kleinen vereinnahmen. Ziel muss es jedoch sein, kleine wirtschaftliche Einheiten zu fördern und miteinander zu vernetzen. Insbesondere im landwirtschaftlichen Bereich haben so kleine bäuerliche Betriebe eine Chance überlebensfähig zu sein. Dafür ist es notwendig, sensible Konsumenten aufzusuchen, die den ökosozialen Weg mittragen, weil sie von einer sinnvollen Landbewirtschaftung und den damit erzeugten gesunden Lebensmittel überzeugt sind. Dieses Konzept wirkt sich nicht nur für Bauern und Konsumenten positiv aus, sondern ist für die gesamte Gesellschaftsentwicklung zukunftsweisend.

Ein Geflügelbauer erzählt:

„Am Beginn unserer Markenproduktion auf ökosozialer Basis stand der Wille dem Konsumenten beste qualitative und hochwertige Produkte anzubieten. Wir haben versucht eine solche Qualität zu erzeugen. In Frankreich schließlich sind wir auf die Rasse eines Hendls aufmerksam geworden, das sich für ein Qualitätsprodukt in der Geflügelhaltung bestens eignet. Qualitätsprodukte wie diese sind Naturprodukte und ausschließlich auf ökologischer Basis durch einen bäuerlichen Kleinbetrieb erzeugbar. Bei diesem Hendl handelt es sich um ein Wildhendl, eine vitale und robuste Naturrasse, die unter den richtigen Haltungs- und Fütterungsbedingungen eine hervorragende Qualität bringt. Diese Rasse wird an lichten Stellen mit möglichst viel Platz und großer Einstreu gehalten und hat Auslauf auf die frische Weide. Die Qualität besteht darin, dass dieses Wildhendl eine besondere Fleischverteilung aufweist. Es hat mehr Brust, mehr Fleisch an den Beinen und auch eine bessere innere Fleischqualität. Obwohl es weniger Fett und weniger Wasser beinhaltet, bleibt das Fett beim Bratvorgang bei der Zubereitung im Hendl erhalten. Das liegt daran, dass das Hendl langsam wächst und somit Fett und Aromastoffe gut einlagern kann. Es ist also ein Hendl, dass man beim Essen sofort riecht, sieht und schmeckt, dass es besser ist.“

Eine ökosoziale Landwirtschaft sichert das ökologische Gleichgewicht der Natur und die Lebensqualität des Menschen.

Schlierbach ist in der Vergangenheit für seine intensive Landwirtschaft bekannt gewesen. Besonders in Bezug auf die Geflügelhaltung sind von hier viele Impulse ausgegangen. Viele Geflügelwirtschaftsbetriebe arbeiteten zunehmend mit Intensivmast, um den Bedarf des Marktes zu decken. Der wirtschaftliche Nachholbedarf in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erforderte diesen Weg. Aber um im Wettbewerb, der in den weiteren Jahrzehnten zunehmend durch Globalisierung gekennzeichnet war, zu bestehen, war es notwendig den Bestand jährlich zu erhöhen. Rechtzeitig jedoch haben Landwirte und andere Betroffene und Beteiligte erkannt, dass der ökosoziale Weg richtungsweisend für eine funktionierende Landwirtschaft ist, die sowohl die Lebensqualität des Menschen als auch das ökologische Gleichgewicht der Natur berücksichtigt.

Der Ausbau und die Stärkung von mittel- und kleinbäuerlichen Strukturen ist ein zentraler Bestandteil für die praktische Umsetzung einer ökosozialen Landwirtschaft. Eine solche Neubesinnung steht im Gegensatz zum kurzfristig profitablen Denken, das allein in der Intensivierung und in der Vergrößerung des Betriebs eine bessere Wertschöpfung sieht. In den landwirtschaftlichen Monokulturen spiegelt sich diese Marktordnung wider, die nicht nur die Natur zerstören, sondern auch den Bauern von seiner eigentlichen Arbeit im Umgang mit dem Lebendigen entfremdet.

 

Ein Landwirt erläutert:

„Vor ca. 15 Jahren habe ich mich entschlossen, von der konventionellen zur ökologischen Landwirtschaft überzugehen. Der gesamte landwirtschaftliche Betrieb wird ohne Spritzmittel und Düngemittel geführt. Durch die richtige Nutzung unterschiedlicher Fruchtfolgen und anderen Alternativen sind wir jetzt soweit, dass das Futter für die Wildhendl und Puten zu 100% biologisch ist. Bis auf die Erbsen, das wir von einem biologischen Hof aus dem Burgenland hinzukaufen und für die Endmast benötigen, stellen wir das Getreide wie Mais und Gersten selbst her. Da es sich hier um Freilandaufzucht handelt, ernähren sich die Tiere jedoch größtenteils selber – und auf Medikamente wie bei der Intensivmast kann ich vollständig verzichten.“

Reökolisieren bedeutet nicht ein Schritt zurück zum vorindustriellen Zeitalter, sondern es handelt sich um ein Handeln und Denken, das den Menschen wieder in den Mittelpunkt rückt. Es werden moderne Hilfsmittel und Erkenntnisse einer zukunftsorientierten Agrarwirtschaft eingesetzt – aber ohne den bisher verwendeten umweltschädlichen Chemikalien – um das Gleichgewicht von Mensch und Natur zu erhalten.

Die ökologische Kreislaufwirtschaft ist im Interesse des Bauern. Hier kommt seine besondere Fähigkeit im Umgang mit dem Lebendigen zum Tragen.

 

 

Prof. Dr. Millendorfer:

„Biologisches Anbauen und Produzieren ist weniger eine Wissenschaft als eine Kunst. Jeder Biobauer, der ein besonderes Gespür für das Lebendige hat, macht es anders. Die Zeiten, dass man Biobauern als eine Art isolierte Spezies behandelte, sind längst vorbei. Der Markt honoriert die Anstrengungen der Bauern. Der Bedarf an biologischen hergestellten Lebensmitteln wird weiter steigen. Freilich ist es nicht so, dass dies die einzige Möglichkeit für das Überleben der Bauern ist, sondern es handelt sich hier um eine besondere Art lebensgerechten Produzierens. Ich empfehle denjenigen Landwirten, die zurzeit hauptsächlich industriell produzieren auch im kleinen Rahmen biologisch zu wirtschaften. Sie können Erfahrungen sammeln, um die biologische Produktionsweise zu einem späteren Zeitpunkt auszuweiten. Je mehr der Bauer seine eigentliche Fähigkeit als Spezialist im Umgang mit dem Lebendigen einsetzt, desto eher wird seine Arbeit als hochqualifiziert eingeschätzt und dem entsprechend entlohnt. Es ist also in seinem eigenen Interesse, das voran zu bringen, worauf er sich ausgezeichnet versteht wie beispielsweise bodengerechte Tierhaltung und eine ökologische Kreislaufwirtschaft.“

Es ist klar, dass bei einer Umkehr zum ökologischen Landwirtschaften anfangs nicht eine höhere Wertschöpfung zu erwarten ist. Der ökosoziale Strukturwandel in der Landwirtschaft erfordert eine entschiedene Grundeinstellung der Beteiligten, die sich darüber im Klaren sind, dass das Ziel nicht unmittelbar, sondern langfristig erreicht wird – mit dauerhaften Resultaten für Natur und Gesellschaft, um den Generationen nach uns eine Chance zu geben. Es handelt sich um eine wertorientierte innere Haltung zum eigenen Leben, zum Wirtschaftlichen und zu den sozialen ökologischen Strukturen, die sich nicht käuflich erwerben lassen. Doch schon jetzt lässt sich der dadurch abgewendete Schaden für Umwelt und Natur erkennen.

Am Beispiel des Getreides erklärt ein anderer Bauer:

„Vor fünf Jahren habe ich mich entschieden nicht mehr mit der bisherigen Produktionsweise weiter zu machen. Ich habe festgestellt, dass höhere Produktion durch den Einsatz von mehr Betriebsmitteln nicht zwangsläufig mit einer besseren Wertschöpfung verbunden ist. Mir wurde klar, dass sich etwas ändern musste. In einem der Vorträge von Prof. Millendorfer wurde ich bestätigt und ermutigt, den ökosozialen Weg einzuschlagen. Mittlerweile sind wir eine Gruppe von Landwirten, die nun wieder mit der Natur und in Kreisläufen wirtschaften. Die Vielfalt, die die Natur uns gegeben hat, möchten wir erhalten. Gerade im Bereich des Getreidebaus haben in den letzten Jahrzehnten die Monokulturen Überhand genommen. Früher habe ich ungefähr 50% Mais angebaut. Das ist zu viel für den Bauern und kostet den Bund zu viel. Daher bin ich wieder zurückgegangen auf je 25% Mais, Winterung, Sommerung und Alternativfrüchten. Im Bereich der Alternativen baue ich 20% Ackerbohne an, das als Eiweißfuttermittel in der Schweine- und Putenmast und in der Ferkelaufzucht verwendet wird. Es geht schließlich auch darum, dass wir Futtermittel selbst herstellen und nicht nur auf Importe aus dem Ausland angewiesen sind. Aber auch die Wiedereinführung des Roggen, der früher schon in unserer Region angebaut wurde, hat sich bewährt. Der Roggen eignet sich speziell für die Zuchtsauenhaltung aber auch im Haushalt. Für die Endmast eignet sich zudem die Tricitale, die ich jetzt zusätzlich anbaue. Damit lässt sich eine hervorragende Qualität im Endprodukt wie dem Bauernschinken oder Carrespeck erreichen. Die Tricitale ist eine Kreuzung zwischen Roggen und Weizen. Sie vereint die Vorteile des Weizens wie hoher Ertrag und kurzes Stroh mit den Vorteilen des Roggens, der wenig Anspruch an die Bodenqualität hat und ein raues Klima verträgt.“

Prof. Dr. Millendorfer betont in diesem Zusammenhang:

„Ich glaube, dass die überwiegende Mehrheit der Bauern bäuerlich und damit auch biologisch produzieren möchte. Der Trend der bisherigen praktischen Erfahrung zeigt, dass eine ökosoziale Produktionsweise keine Illusion ist, sondern ein Schritt in eine menschenwürdige bäuerliche Existenz, wo das zum Tragen kommt, worin er Spezialist ist. Es ist wortwörtlich mit den Händen zu begreifen: Als Handlanger der Industrie hat der Bauer keine Chance und wird letztlich schlecht bezahlt, auch wenn er noch so viele Maschinen einsetzt. Sie sind in einer verflossenen Epoche in eine Situation hineingetrieben worden, die ihrem Wesen nach zuwider waren. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben die Bauern dazu genötigt, industrielle Methoden anzuwenden, um überlebensfähig zu bleiben. Wenn man das voraussetzt, kann man daraus folgern, dass der Bauer die Bereitschaft dazu hat, zu lernen und umzulernen. Er möchte wieder tiergerecht produzieren. Der Übergang dahin ist sicherlich schwer: das langfristige Ziel ist oft der Feind der kurzfristigen Notwendigkeit. In dieser Phase muss der Bauer durch Überbrückungshilfen finanziell unterstützt werden. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es sich hier um Entschädigungen handelt. Für die entstandenen Schäden sind die Bauern nicht unmittelbar verantwortlich.“

 

Der Bauernmarkt – Impulsgeber für eine ländliche Region

Im Vordergrund steht die Direktvermarktung von regionalen Qualitätsprodukten der Bauern. Der Markt ermöglicht überdies den persönlichen Kontakt zwischen Erzeuger und Konsumenten.

Der Schlierbacher Bauernmarkt, ein österreichweites Vorzeigeprojekt für Direktvermarktung, bietet ein breites Sortiment an regionalen, bäuerlichen Produkten größtenteils von Biobauern. Das Angebot umfasst Brot und Gebäck, Mehlspeisen, Milch und Milchprodukte von Kuh, Schaf und Ziege, Fleisch und Wurstwaren von Rind, Schwein, Lamm, Pute und Wildhendl, Obst und Gemüse, Fisch, Bioeier und -teigwaren sowie eine Reihe von saisonalen Spezialitäten.

Die Wünsche und Bedürfnisse nach biologischen Produkten kommen von immer mehr Konsumenten und Erzeugern zur Sprache. Die Tendenz fort von der Anonymität der Massenprodukten und hin zu mehr Persönlichkeit, Eigenständigkeit und zu biologisch wertvollen Produkten, die eine wertorientierte Beziehung zur Natur und zum Mitmenschen ermöglichen, zeigt sich allerorten.

Der Obmann der Bauern meint hierzu:

„Wir sprechen von der Dorferneuerung, der Gemeindeentwicklung, von kleinen Strukturen im ländlichen Raum und der Nahversorgung, die alle Bestandteile des ökosozialen Wegs sind. Mit dem Bauernmarkt ist das Modellhafte des ökosozialen Weges für alle Beteiligten am unmittelbarsten zu erkennen und zu erleben. Wir zeigen hiermit, dass es im Dorf möglich ist, Initiativen zu verwirklichen als Antwort auf die zunehmende Verbreitung der Großmärkte. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Ballung von Großmärkten allzu häufig einen Abzug der Arbeitsplätze in der ländlichen Region nach sich zieht. Der Bauernmarkt fördert deshalb auch eine Kooperation zwischen der Landwirtschaft und dem Gewerbe. Der Fleischhauer beispielsweise bietet besondere Produkte an, die nur vom hiesigen Bauern erhältlich sind. An einer Tafel vermerkt der Fleischhauer den Bezugsbauern. Eine Kooperation anderer Art ist eben der persönliche Kontakt des Konsumenten mit den Erzeugern. Der Kunde weiß, dass er auf dem Bauernmarkt Qualitätsprodukte aus seiner Region einkauft. Die Konsumenten und die Erzeuger wünschen sich statt der Anonymität wieder einen stärkeren Austausch untereinander. Ein kleiner Markt wie der unsere kann auf diese Bedürfnisse eingehen. Das ist der entscheidende Vorteil mit dem wir zu einer wertorientierten Entwicklung der Gesellschaft beitragen. “

Der Bauernmarkt bietet somit den Landwirten auch die Möglichkeit neue Produkte einzuführen, die mit den konventionellen Absatzwegen nicht möglich sind. Rechtzeitig umdenken, neue Ideen entwickeln und alternative Absatzmärkte erkunden, gehört zu den wesentlichen Eigenschaften, um eine funktionierende Landwirtschaft auch in Zukunft zu gewährleisten. Neben der Direktvermarktung wird auch der Vertrieb von Bioprodukten über den Naturkosthandel und Biosupermärkten, über Handelsketten und Gemeinschaftsküchen angestrebt.

Eine Landwirtin schildert:

„Bis vor ein paar Jahren hatten wir eine Spitzenposition in Schlierbach im Bereich der Schweinezucht. Wir sind dann aber einen neuen Weg gegangen und konzentrieren uns nun ganz auf die Ziegenzucht. Das hat mehrere Gründe. Zum Einen hat sich abgezeichnet, dass der Absatz mit der Schweinezucht nicht mehr so gut war. Zum Anderen halte ich es für sehr wichtig – egal in welcher Branche – dass man immer wieder einmal etwas Neues ausprobiert. Ich habe die afrikanische Burenziege eingeführt. Es handelt sich hierbei um eine reine Fleischziege, die nicht gemolken wird. Mit dieser Alternative hoffe ich, dass sich in der Zukunft neue Möglichkeiten auftun werden. Es geht darum, Marktnischen zu erkennen. Das Ziegenfleisch ist bestens geeignet für Diät und Schonkost, so dass auch die Belieferung von Krankenhäusern möglich wäre. Andererseits bin ich mir sicher, dass auch in der Spitzengastronomie der Bedarf an qualitativ wertvollen Ziegenfleisch steigen wird.“

Der Obmann führt weiter aus:

„Es ist klar, dass wir mit dem Bauernmarkt auch ökonomische Ziele verfolgen. Sicher stellt sich der Erfolg nicht umgehend ein. Eigeninitiative, Motivation und Geduld sind ausschlaggebend für einen lebensgerechten Weg, der Mensch, Tier und Natur harmonisch miteinander in Einklang bringt. Die damalige Projektfinanzierung für den Bauernmarkt ist erfreulicherweise in der Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium, der Landwirtschaftskammer und der Landesregierung erfolgt, die 50% der Kosten mitgetragen haben. Die Realisierung wäre jedoch ohne die hohe Eigenleistung und Motivation der Beteiligten nicht möglich gewesen. Die Folgewirkung all dieser Bemühungen macht sich nun auch ökonomisch bemerkbar macht.

Zu betonen ist auch der Modellcharakter des Bauernmarkts. Wir sind Impulsgeber über die Region hinaus. Uns ist es wichtig, dass Interessierte hier ihre Erfahrungen sammeln können, um sich vom ökosozialen Weg überzeugen zu können. Daher bieten wir auch entsprechende Seminare im nahegelegenen SPES2 Haus an. Bäuerliche Gruppierungen erkennen dadurch die Notwendigkeit einer landwirtschaftlichen Wende und werden ermutigt andernorts solche Entwicklungen zu aktivieren. Nicht zu vergessen ist hierbei, dass die Bauern des Marktes – wie ich gerne sage – die Werbeabteilung der Gesamtlandwirtschaft sind. Der Kontakt und das persönliche Gespräch mit den Konsumenten ist für uns notwendig, damit sie unsere Anliegen und Sorgen begreifen.“

Durch Initiativen wie diesen gelingt es, das negative Bild der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Die durch konventionelle Landwirtschaft entstehende Belastung der Umwelt wie der hohe Nitratgehalt im Trinkwasser durch Überdüngung oder die zunehmenden Emissionen durch intensive Tierhaltung sind Beispiele hierfür. Die Wirkungen des ökosozialen Weges mit der Verbesserung der Lebensqualität und dem schonenden Umgang mit der Natur sind für jedermann sichtbar und erfahrbar. Es geht jedoch vor allem darum, die landwirtschaftliche Bevölkerung zu stabilisieren und damit die Besiedelungsdichte in ländlichen Regionen zu erhalten. Ökosozial heißt auch, dass die Einkommensunterschiede in der Landwirtschaft wieder geringer werden. Die Entwicklung, dass Großbetriebe durch neue Produktionsmöglichkeiten ihren Gewinn auf Kosten kleiner Betriebe vergrößern, kann dadurch gestoppt werden.

 

Neue Wege gehen – landwirtschaftliche Fachschulen als Lern- und Erfahrungszentrum

Der Wissens- und Erfahrungsaustausch von Lehrenden und Landwirten gewährleistet das Gleichgewicht von Praxis und Theorie des ökosozialen Wegs.

Um den ökosozialen Weg Wirklichkeit werden zu lassen, bedarf es einer Vielzahl von engagierten Menschen. Es ist wichtig, dass Beteiligte und Betroffene aus den unterschiedlichsten Bereichen an diesem Prozess teilhaben, damit der ökosoziale Weg in seinem ganzen gesellschaftlichen Spektrum gelebt werden kann. Dies gilt insbesondere im Bereich der Bildungsarbeit und der Pädagogik, um der heranwachsenden Generation entscheidende Impulse mit auf den Weg zu geben. Die landwirtschaftlichen Fachschulen stehen hierbei im Vordergrund. Lehrkräfte sind demnach nicht ausschließlich Vermittler von Wissen innerhalb der Fachschule, sondern sie zeichnen sich ebenfalls dadurch aus, dass sie auch außerhalb stets im persönlichen Kontakt mit den Bauern stehen. Dieser gegenseitige Austausch ist die Voraussetzung für eine ideale Verwirklichung der ökosozialen Idee in die Praxis. Ein Lehrer der landwirtschaftlichen Fachschule in Schlierbach schildert seine Beweggründe für sein Engagement:

„Als Lehrer der landwirtschaftlichen Fachschule hier in Schlierbach ist es mir ein großes Anliegen auch außerhalb meiner regulären Arbeitszeit mit Landwirten zusammen zu kommen. Das hat drei Gründe. Erstens muss ich gestehen, dass ich im ersten Jahr meiner Lehrtätigkeit ein schlechtes Gewissen bekam, als ich den Schülern Fachliches aus Büchern lehrte, was ich selbst in der Praxis noch nicht gesehen hatte. Aus diesem Grund gehe ich sozusagen hinaus aufs Feld und auf den Hof, um so viel wie möglich vom Bauern selbst zu lernen. Erst auf diese Weise ist es möglich neue Wege zu gehen. Der zweite Grund ist der, dass, wenn ich ausschließlich in der Schule wirke, es zu spät sein könnte. Zu spät für die Schüler, die im Durchschnitt erst in 10 bis 15 Jahren den meist elterlichen Hof übernehmen. Mir ist es wichtig, dass die Änderungen in der Landwirtschaft jetzt beginnen. Ich stehe daher nicht nur in Kontakt mit den Bauern, sondern im Rahmen des SPES Hauses leite ich in der Erwachsenenbildung Seminare. Es ist wichtig, möglichst viele Menschen vom neuen Weg zu überzeugen. Das ist dann auch der dritte Grund. Das ökosoziale Modell begeistert und motiviert mich, so dass ich gerne bereit bin mehr Zeit zu investieren.“

Einerseits muss das Erlernen ökologischer Produktionsweisen Bestandteil der Wissensvermittlung in landwirtschaftlichen Fachschulen sein. Andererseits zeigt sich aber auch die Notwendigkeit, dass in Bildungseinrichtungen wie diesen der Vermarktung eine entscheidende Bedeutung zukommt.

Der Lehrer fasst diesen Sachverhalt zusammen:

„Heutzutage ist nicht mehr die Produktion an sich das Wesentliche, sondern die Vermarktung. Wenn der Schwerpunkt zu sehr auf das Produzieren gesetzt wird, dann übersieht man leicht, wie der Markt mit den neuen Bedingungen und Bedürfnissen geschaffen ist. Es muss in der gesamten Agrarpolitik ein Umdenken stattfinden, so dass wir uns mehr mit den übermäßig vielen Reglementierungen, Vorschriften und Kontingentierungen befassen müssen, die nicht eingehalten werden können und überdies unnötig viel Geld kosten. Dieses alte System hindert die jungen Leute schon in der Schule und später in ihrem Beruf als Landwirt, eigenständig Initiativen zu ergreifen.“

Auch der ökosoziale Weg darf sich den Bedingungen der freien Marktwirtschaft nicht verschließen. Marktwirtschaft und ökosoziales Handeln sind kein Widerspruch, sondern eine Chance, um innovativ und zukunftsweisend erfolgreich zu sein. Es ist daher notwendig, dass in der gesamten Agrarpolitik ein Umdenken stattfindet. Zu starre Reglementierung und Kontingentierung hindern den Landwirt, eigenständig Initiativen zu ergreifen.

 

Marktanteile gewinnen durch regionale Produkte und Innovationen

In der Landwirtschaft wie im Energiesektor gilt es die Abhängigkeit von Importen zu reduzieren – zugunsten einer besseren Wertschöpfung der eigenen Region.

Der ökosoziale Weg beschränkt sich freilich nicht allein im bewussten Handeln und Denken in der Landwirtschaft. Ein Umdenken ist in vielen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft notwendig. Die Gemeinde Schlierbach zeigt, dass auch im Bereich der lokalen Energieversorgung neue Wege beschritten werden können. Eine Alternative, die als Pilotprojekt schon seit mehreren Jahren betrieben wird, sind so genannte Energiewälder, um den Eigenbedarf der Gemeinde und der Region zu decken. Das schnellwüchsige Holz der Pappel und der Weide wird in einer in der Gemeinde bereits bestehenden Fernwärmegesellschaft verwertet. Des Weiteren ist eine eigene Tankstelle geplant, um den steigenden Bedarf von Pflanzenöl und Biodiesel vor allem für landwirtschaftliche Maschinen und Traktoren zu decken.

Im Bereich der Geflügelzüchtung wird die Notwendigkeit, sich wieder verstärkt auf die heimische Region zu konzentrieren, offensichtlich. Das Kernproblem biologischer Geflügelhaltung ist, dass die Züchtung bisher weltweit in der Hand von nur wenigen internationalen Zuchtunternehmen liegt. Aufgrund des noch geringen Marktanteils der biologischen Betriebe sind die Zuchtunternehmen nicht dazu bereit, Zuchtlinien aufzubauen, die den besonderen Erfordernissen der ökologischen Freilandhaltung entsprechen.

Ein Geflügelzüchter schildert diesen Sachverhalt:

„Momentan ist die Geflügelzucht praktisch in der Hand ausländischer Konzerne. Aus diesem Grund versuchen wir Zuchtmaterial aus altösterreichischen Rassen zu bekommen. Der Grundstein dazu ist die Sullentalerrasse, einer Rasse aus der Steiermark, die sich durch ihre besondere Vitalität und Robustheit auszeichnet. Sie hat hervorragende Qualitätseigenschaften im Bereich des Fleisches. Da es sich hier um einen Kombinationstypus handelt, ist die Sullentalerrasse nicht allein für die Fleischproduktion geeignet. Die Hennen können auch außerordentlich gut legen. Über diese Doppeleigenschaft verfügen die ausländischen Rassen praktisch nicht mehr.“

Problematisch verhält es sich auch im Bereich der Futtermittelerzeugung. Ein Blick auf den Produktionsablauf zeigt eindringlich den Missstand eines Warenverkehrs, der ebenfalls auf einseitiger Abhängigkeit beruht. Der Mais, der für die Erzeugung verwendet wird, wird zwar in Österreich angebaut und geerntet. Für die Veredelung jedoch wird der Mais ins Ausland exportiert und anschließend als fertiges Produkt wieder importiert. Generell handelt es sich hierbei um billige Produkte, mit denen die inländische Konkurrenz nicht mithalten kann. Der Verlust des eigenen Marktanteils ist in diesem Bereich erheblich. Es ist notwendig hier neue Rahmenbedingungen und übersichtlichere Strukturen in der Landwirtschaft zu schaffen, um eine bessere Wertschöpfung im Inland zu garantieren.

Es gilt demnach, auf ökologisch sinnvolle Weise die Abhängigkeit von Rohstofflieferungen und anderen Importgütern aus dem Ausland zu verringern, um eigene Ressourcen und eigenes innovatives Potenzial voll auszuschöpfen. Denn das, was in der Region produziert, konsumiert und genutzt wird, kommt allen Beteiligten zu Gute. Ziel muss es sein, kleine Strukturen, die für den ländlichen Raum charakteristisch sind, zu fördern und auszubauen. Nur so ist eine Alternative zur unverhältnismäßig hohen Importquote und gegenüber der Abhängigkeit von Großbetrieben möglich.

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Prof. Dr. Hans Millendorfer, österreichischer Sozialforscher. Bekannt geworden als Begründer des ökokulturellen Wegs in Österreich. Gründer des Forschungsinstitutes STUDIA, das Zukunftsprognosen erstellt.

 

2 SPES: Studiengesellschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen. Der Impuls zur Gründung 1978 geht auf die Forschungsergebnisse und Prognosen von Prof. Dr. Hans Millendorfer zurück. Neben der Projektarbeit werden hier vor allem werden hier Seminare zu den Themen Gemeinde- und Regionalentwicklung, Wirtschaft, Landwirtschaft, Gesundheit und Familie gehalten.