Originalfilm

 

 

Im Gespräch: Prof. Dr. Hans Millendorfer

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Die Neue Bäuerlichkeit ist ein Teil davon. Prof. Millendorfer, ein anerkannter Sozialwissenschaftler, gilt als wesentlicher Impulsgeber in den menschlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Bereichen. In einem Gespräch mit Robert Moser, Gründer von Wert-Impulse, legt Prof. Millendorfer seine Erkenntnisse über eine Wertorientierung im ländlichen Raum dar. Für ihn ist Dorferneuerung eine Erneuerung der Herzen und die Neue Bäuerlichkeit die Überlebenschance für unsere Umwelt und Kultur. Der ländliche Raum hat nicht nur Zukunft, sondern ist Zukunft.

 

Kurzinhalt

* Impulsgeber und Zukunftsforscher
Prof. Millendorfers Forschungsinstitut STUDIA erstellte Zukunftsprognosen, die für
die Entwicklung einer nachhaltigen an Werten orientierten Gesellschaft von höchster
Bedeutung sind. Mit Vorträgen leistete er unermüdlich Aufklärungsarbeit über die
„Neue Bäuerlichkeit“.

* Die Umkehr zum Lebendigen
Der bäuerliche Kulturraum ist Voraussetzung für die notwendige Umkehr unserer
Gesellschaft zum Lebendigen. Lebensgerecht handeln bedeutet Umwelt und Kultur
erhalten und erneuern.

* Der „Ökokulturelle“ Weg
Soziale Umverteilungsprozesse sind Spielregeln für die Gemeinschaft. Der darauf
aufbauende ökokulturelle Weg sichert unsere Kultur und Natur.

* Der Bauer ist Spezialist
Neue Bäuerlichkeit heißt sich von industriellen Zwängen befreien. Neue Bäuerlichkeit
bedeutet menschengerechte Produktionsweise, qualitative Lebensmittel,
Dorferneuerung – und kulturelle Erneuerung

 

* Bei neuen Wegen gibt es Rückschläge
Wer neue Wege geht, muss mit anfänglichen Rückschlägen rechnen – langfristig
jedoch ist der Erfolg sicher.

 

* Führungsgrundsätze: Mitarbeiter fördern und Konflikte aushandeln
Konfliktfähigkeit ist ein Lernprozess. Führungskräfte müssen in diesem Prozess alle
Beteiligten mit einbeziehen. Nur so entstehen Kreativität, Initiative und Erfolg, von
denen langfristig alle profitieren.
Das Prinzip des Gleichgewichts von Sachen, Menschen und Sinn – Gegensätze
beherrschen und fruchtbar machen.

 

* Ausblick: Arbeits- und Lebenswelt im ländlichen Kulturraum
In Zukunft wird die Landbevölkerung zunehmend Berufen nachgehen, die bislang
von den Ballungszentren ausgingen. Umgekehrt wird die Stadtbevölkerung
zunehmend den ländlichen Raum für sich entdecken.

 

* Christliche Werte als Lebenskonzept
Woher nimmt Prof. Millendorfer die Motivation für seine Arbeit? Was sind für ihn die
entscheidenden Werte und Tugenden nach denen wir handeln sollten?

 

baeuerlichkeit
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Inhalt

 

Wertorientierte Entwicklungen

Prof. Dr. Hans Millendorfer

 

die Neue Bäuerlichekeit

 

 

der ökokulturelle Weg

 

von Prof. Dr. Hans Millendorfer

 

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Die Neue Bäuerlichkeit ist ein Teil davon. Prof. Millendorfer, ein anerkannter Sozialwissenschaftler, gilt als wesentlicher Impulsgeber in den menschlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Bereichen. In einem Gespräch mit Robert Moser, Gründer von Wert-Impulse, legt Prof. Millendorfer seine Erkenntnisse über eine Wertorientierung im ländlichen Raum dar. Für ihn ist Dorferneuerung eine Erneuerung der Herzen und die Neue Bäuerlichkeit die Überlebenschance für unsere Umwelt und Kultur. Der ländliche Raum hat nicht nur Zukunft, sondern ist Zukunft.

Impulsgeber und Zukunftsforscher

 

Prof. Millendorfers Forschungsinstitut STUDIA erstellte Zukunftsprognosen, die für die Entwicklung einer nachhaltigen an Werten orientierten Gesellschaft von höchster Bedeutung sind. Mit Vorträgen leistete unermüdlich Aufklärungsarbeit über die Neue Bäuerlichkeit.

Zum beruflichen Werdegang Prof. Millendorfers: Zuerst studierte er Theoretische Physik und anschließend war er Forschungsleiter in der Industrie. Dort wurde ihm bewusst, dass die Menschen zwar sehr viel von der Technologie wissen, aber nur wenig darüber, was man damit anfangen kann. Dann studierte er erneut und promovierte in den Wirtschaftswissenschaften; später habilitierte er sich in Soziologie. In den Jahren darauf unterrichtete er Politikwissenschaft. Prof. Millendorfer ist ein versierter Kenner in unterschiedlichen Gebieten und versteht es, die einzelnen Fachgebiete auf fruchtbare Weise miteinander zu verknüpfen.

Seine Haupttätigkeit lag in der Leitung des von ihm gegründeten Instituts Studiengruppe für Internationale Analysen (STUDIA), deren Ziel es ist, Zukunftsprognosen zu erstellen. Die intensive Arbeit, den Millendorfer und seine Mitarbeiter bei ihren Forschungen an den Tag legen, wird als Leitbild ebenfalls an der Abkürzung des Institutes STUDIA deutlich. Studium heißt auf Latein Fleiß. Der Plural von Studium auf Latein – gäbe es ihn – müsste dem entsprechend Studia lauten. Das Institut „lebt“ also vom Plural von Fleiß, der vor allem im Sammeln, Verarbeiten und Interpretieren von Daten besteht. Aus der Struktur der Daten erkennt man Zusammenhänge, die andernfalls verdeckt blieben. Eine bäuerliche Grundhaltung beispielsweise ist mit sehr modernen für die Gesellschaft notwendigen Eigenschaften verbunden. Es handelt sich um komplexe Zusammenhänge in der Gesellschaft, die man mit bloßem Auge nicht sieht.

Prof. Millendorfer bezeichnet sich selbst als Dauerphysiker, befasst er sich doch wie in der Physik mit „Wenn-Dann-Beziehungen“. Gesellschaftssysteme besitzen Eigenschaften, die ebenso mit „Wenn“ und „Dann“ beschrieben werden können. Das ist die Grundlage von Prognosen. Die besondere Eigenschaft der Forschungseinrichtung von STUDIA ist es nun, dass nicht nur die harten wirtschaftlichen und technischen Größen in die Analyse mit einbezogen werden, sondern auch die menschliche Dimension, die über das rein Wirtschaftliche hinaus geht. Die menschliche Dimension ist der Lebensbereich, der wesentlichen Einfluss auf die Gesamtentwicklung hat. Zentrale Rolle spielt dabei die Familie. Es gibt folglich Mechanismen, die die Familie zerstören und solche, die der Familie dienen.

Und nur wenn man beides berücksichtigt – Lebensbereich und Produktionsbereich – ist es möglich, etwas über die Zukunft der Gesellschaft auszusagen. STUDIA hat darüber hinaus festgestellt, dass ein Gleichgewicht der Beziehungen zu den Sachen, zu den Menschen und zum Sinn notwendig ist, um die Gesellschaft nachhaltig zu gestalten. Wenn die Sachbeziehung überbetont wird und dadurch die Menschbeziehung und die Sinnbeziehung geringer wird, dann verliert man letztlich auch die Fähigkeit zur Sachleistung. In unserer Gesellschaft ist es üblicherweise so, dass vieles funktional missverstanden wird, d.h. die Tendenz ist dahingehend, dass wir materiellen Werten besonders viel Bedeutung beimessen und dabei die menschliche Ebene vernachlässigen. Das ist jedoch nicht eine nur für unsere Gesellschaft singuläre Erscheinung. Schon einige römische Geschichtsschreiber beschreiben das alte Rom als eine von Sex und Crime überschattete Zeit, woran das römische Imperium schließlich auch zu Grunde gegangen sind.

 

Die Umkehr zum Lebendigen

 

Der bäuerliche Kulturraum ist Voraussetzung für die notwendige Umkehr unserer Gesellschaft zum Lebendigen. Lebensgerecht handeln bedeutet Umwelt und Kultur erhalten und erneuern.

Der ländliche Raum und die damit zusammenhängende Neue Bäuerlichkeit sind zentrale Themen, mit denen sich Prof. Millendorfer intensiv auseinandergesetzt hat. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist, dass eine Agrarpolitik, die nur als eine agrarische aufgefasst wird, in der Zukunft keine Chance haben wird. Eine Formulierung, die diese Problematik zusammenfasst, lautet: Die Agrarpolitik hat sich in sich selbst verfangen. Eine Politik der Zukunft dagegen erkennt, dass sich die Industriegesellschaft in einer tiefgreifenden Wende befindet, die genau das herbeiführt, was die Bauern als neues Verständnis für ihre Tätigkeit benötigen. Als Prof. Millendorfer seinen ersten Vortrag über dieses Thema hielt, war die Reaktion der anwesenden Bauern eine durchweg begeisternde. Die Bauern erkannten, dass sie nicht die Letzten von gestern sind, sondern die Ersten von morgen. Denn der ländliche Raum ist nicht einer, der verstädtert werden muss wie man in der Vergangenheit gemeint hat. Stattdessen ist der ländliche Raum Voraussetzung für die notwendige Umkehr der Industriegesellschaft zum Lebendigen.

In unserer Gesellschaft herrscht ein zunehmendes Ungleichgewicht zwischen toten technischen Apparaten und lebendigen Organismen. Dies führt nicht nur zu Umweltproblemen, sondern auch zu Alterserkrankungen beim Menschen. Wir brauchen eine Hinwendung zu den lebendigen Organismen und lebendigen Wesen – zum lebendigen Verständnis der Schöpfung. Der ländliche Raum ist in dieser Hinsicht noch oder schon – je nachdem aus welcher Perspektive man das sieht – voraus. Denn das, was die Bauern noch besitzen, nämlich die Beziehung zum Lebendigen, ist schon die Zukunft.

Es gibt ein altes Bauernlied, das genau diesen Sachverhalt zum Ausdruck bringt und somit neu zu verstehen ist: „Der Wind weht, der Wind weht, ich muss auf den Acker gehen; der Wind weht, der Wind weht und der Garten blüht schön; da bitte ich Gott fordernd, dass der Wind nicht mehr weht; Gott hat es gehört und der Wind hat sich gedreht.“ Der Wind hat sich tatsächlich gedreht, nur all zu häufig haben es die Bauern und Bauernvertreter, ganz zu schweigen von der EU, noch nicht bemerkt. Den Wind, der den Bauern früher ins Gesicht wehte, haben sie nun im Rücken. Sie müssen ihn nutzen, um die Industriegesellschaft zur Umkehr zum Lebendigen zu bewegen. Das ist kein romantisches Klischee, sondern eine konkrete und neue Konzeption mit lebensgerechten Produktionsformen und sinngerechten Lebensformen. Die Umkehr zum Lebendigen hat in manchen Bereichen schon begonnen. Fußgängerzonen und Dorferneuerung beispielsweise gehören mittlerweile zum selbstverständlichen Stadt- und Dorfbild. In der Agrarpolitik glaubt man dagegen noch immer industrialisieren zu müssen. Die Vergangenheit, die zu Ende gegangen ist, wird mit aller Gewalt zur Zerstörung des ländlichen Raums missbraucht. Es wird eine Marktordnung aufrecht erhalten, die ausschließlich die Maximierung der Hektarerträge honoriert. In Zeiten der Lebensmittelknappheit nach dem Krieg war dieses Denken verständlich. Aber im Hinblick auf die Überschüsse, die gegenwärtig erzeugt werden und damit das Kostbarste, was wir besitzen – unsere Umwelt und unsere Kultur – zerstören, ist diese Marktordnung schlicht ein Irrsinn.

Es geht um die Erhaltung und der Revitalisierung der bäuerlichen Kultur, die geprägt ist durch eine besondere Beziehung zum Lebendigen. Wenn uns diese Umkehr gelingt, werden wir eine nachhaltige Gesellschaft für die Zukunft entwickeln können. Wir müssen eine andere Position beziehen. Ein Landwirt aus Schlierbach, der erkannte, wie notwendig es ist ökosozial zu wirtschaften, berichtet:

„Wir entschlossen uns dazu, nicht einfach mehr zu produzieren und noch mehr Betriebsmittel einzusetzen. Stattdessen einigten wir uns darauf, ökologisch und im Sinne der Natur zu wirtschaften. Prof. Millendorfer half uns bei dieser Entscheidung tatkräftig und machte uns immer wieder darauf aufmerksam, dass wir die Böden nicht ausbeuten, sondern dass wir im Gleichgewicht mit der Natur wirtschaften sollten. Es etablierte sich in dieser Zeit ein gewisser Kreis von Landwirten, die gemeinsam den ökosozialen Weg beschritten. Damit trat eine Wende im landwirtschaftlichen Denken ein. Wie wir heute bei vielen anderen Landwirtschaftsbetrieben sehen, war das eine richtige Entscheidung. Doch damals wurden wir von anderen Landwirten, die konventionell wirtschafteten, noch schief angesehen. Wir wussten jedoch, dass die Zeit für ein Umdenken reif war. Man kann sagen, dass ein Teil des ökosozialen Weges hier in Schlierbach geboren wurde.“

 

Soziale Umverteilungsprozesse sind Spielregeln für die Gemeinschaft. Der darauf aufbauende ökokulturelle Weg sichert unsere Kultur und Natur.

 

Der Begriff „ökosozial“ geht zurück auf ein Beispiel, der schon im 19. Jahrhundert in der Schweiz unter dem Titel Die Tragik der Almen beschrieben wurde: Die Bauern treiben im eigenen Interesse möglichst viele Kühe auf die Gemeindealm. Schließlich wird die Alm überweidet und alle Beteiligten tragen den Schaden davon. Wie löst man nun dieses Problem? Eine blauäugige Lösung ist ein Appell an die Moral. Denn dann haben gerade die Moralischen den Schaden und die anderen machen das Geschäft. Eine planwirtschaftliche Lösung ist die Kontingentierung, d.h. jeder darf nur eine bestimmte Anzahl von Kühen auf die Alm treiben, deren Größe vorher festgelegt worden ist. Eine einfache marktwirtschaftliche Lösung ist, dass für jede Kuh ein bestimmter Betrag zu entrichten ist. Die eingenommenen Beträge werden daraufhin an alle Bauern zurück verteilt. So wird jeder Bauer überlegen, wie viel Kühe auf der Alm für ihn vorteilhaft sind – ob dies dem vorher entrichteten Betrag entspricht. Es werden Spielregeln vereinbart, die, wenn der Spieler Züge setzt, sowohl dem Eigeninteresse als auch dem Gemeininteresse dienen. Hinter diesem Steuerungsinstrument, das allen Menschen dient, verbirgt sich die unsichtbare Hand von Adam Smith1. Die unsichtbare Hand bewirkt, dass, wenn einer im Egoismus handelt, auch gleichzeitig dem Gemeinwesen dient.

Das ist ein zunächst eingeengtes Verständnis von ökosozialer Umverteilung. Erweitert man den Begriff, gelangt man zum ökosozialen Weg. Darunter ist mehr zu verstehen als ein Umverteilungsprozess, der aus ökologischen und sozialen Gründen, einem Menschen etwas nimmt, um dem anderen etwas zu geben. Der ökosoziale Weg berücksichtigt sowohl die ökologischen als auch die sozialen Bedingungen der bäuerlichen Landschaft. Die Bezeichnung ökokultureller Weg ist demnach zutreffender. Das entscheidende Nebenprodukt der Bauern ist nämlich, dass sie einerseits eine heile Umwelt und andererseits Kultur erzeugen.

 

Der Bauer ist Spezialist

Neue Bäuerlichkeit heißt sich von industriellen Zwängen befreien. Neue Bäuerlichkeit bedeutet menschengerechte Produktionsweise, qualitative Lebensmittel, Dorferneuerung – und kulturelle Erneuerung.

Der Bauer ist Spezialist in der Beziehung zum Lebendigen und dies ist er schon seit Jahrhunderten. In der Vergangenheit ist er zum Handlanger der Industrie geworden, der nach Vorschriften arbeitet und dabei seine besondere Fähigkeit im Umgang mit dem Lebendigen immer weniger einsetzt. Je mehr der Bauer jedoch diese Fähigkeit einsetzt, desto eher wird seine Arbeit als hochqualifiziert eingeschätzt und dem entsprechend entlohnt. Es ist also in seinem eigenen Interesse, das voran zu bringen, worauf er sich ausgezeichnet versteht wie beispielsweise bodengerechte Tierhaltung und die Kreislaufwirtschaft. Darüber hinaus kann der Bauer Lebensmittel produzieren, deren Nachfrage bei Konsumenten gestiegen ist. Eine Umfrage von Allensbach2 hat ergeben, dass die Zahl der Konsumenten, die bereit sind, mehr für lebensgerechte produzierte Lebensmittel zu bezahlen, stetig steigt. Hinzu kommt die zunehmende Nachfrage nach qualitativen Lebensmittel in der Gastronomie und im Tourismus. Weiters ist es sinnvoll, dass der Bauer eigene Marken einführt und diese im Direktverkauf auf den Markt bringt. Dadurch, dass er den Vertrieb selbst in die Hand nimmt, ist die Wertschöpfung für ihn eine größere als wenn er dies dem Handel überlässt. Auch wird die menschliche Dimension zum Kunden berücksichtigt, denn der Kunde ist nicht ein anonymer Mensch, sondern einer, der weiß und darauf Wert legt zu wissen, woher seine Lebensmittel stammen.

An dieser Stelle ist nicht nur die Lernfähigkeit der Bauern zu loben, sondern auch die der bäuerlichen Volksschulen und der Landwirtschaftskammern. Sie vertreten heute Standpunkte, an die sie vor einigen Jahren noch nicht einmal gedacht haben. Innerhalb von drei bis fünf Jahren wurde Beachtliches geleistet. Die überwiegende Mehrheit der Bauern möchte nämlich bäuerlich und lebensgerecht produzieren. In der Vergangenheit sind sie in eine Situation hineingedrängt worden, in der sie, um zu überleben, nicht anders konnten, als industrielle Methoden anzuwenden.

Wer neue Wege geht, muss mit anfänglichen Rückschlägen rechnen – langfristig jedoch ist der Erfolg sicher.

Neue Technologien bringen am Anfang größere Schwierigkeiten mit sich. Das ist ein altes technologisches Gesetz. Auf lange Sicht jedoch überrunden sie die alten Technologien. Die Bauern müssen dazu lernen, haben jedoch in der Zukunft den Weg für ein besseres Einkommen offen. Das beschränkt sich nicht nur auf die Produktion von lebensgerechten Lebensmittel, sondern auch auf die Nutzung der Kultur. Der Trend der bisherigen praktischen Erfahrung zeigt, dass diese Neue Bäuerlichkeit keine Illusion ist, sondern ein Schritt in eine menschenwürdige bäuerliche Existenz, wo das zum Tragen kommt, worin er Spezialist ist. Es ist wortwörtlich mit den Händen zu begreifen: Als Handlanger der Industrie hat der Bauer keine Chance und wird letztlich schlecht bezahlt, auch wenn er noch so viele Maschinen einsetzt. Wenn er aber seine Kenntnis über die Beziehung des Lebendigen – von der Pflanze zum Tier und zum Menschen bis hin zur Kultur – in die Praxis umsetzt, wird er trotz anfänglicher Rückschläge für diese besondere Fähigkeit entlohnt. Wir müssen also aus einem Handlanger einen Spezialisten der modernen Industriegesellschaft machen, der sich auf das Lebendige versteht. Diejenigen Bauern, die diesen Weg bereits beschreiten, haben festgestellt, dass sie aus einer industriellen Einengung hin zu einer erweiterten bäuerlichen Erwerbstätigkeit gelangt sind. Vereinfacht gesagt, sind sie jetzt nicht mehr nur Traktorfahrer, zu denen sie in der Vergangenheit häufig degradiert worden sind, sondern Menschen, die sinnvoll mit der Natur umgehen, eine Umweltleistung erbringen und qualitative Lebensmittel produzieren. Sie produzieren Fleisch, das nicht zur Hälfte zusammenfällt, wenn man es in der Pfanne brät. Sie ernten Obst, dass nach mehr schmeckt als nach Rüben. Wie hat schon Lessing gesagt: „Ich mag das Obst nicht mehr.“ Sämtliches konventionelles Obst, ob Pflaumen, ob Birnen – alles schmeckt nach Rüben.

Der Bauer, der das Lebendige kennt, lernt aus der Natur und ihren Kreisläufen. Denn das Wunderwerk der Schöpfung kennt keine Abfälle. Die bäuerliche Kultur hat durch Jahrhunderte hindurch in Kreisläufen gedacht und so einen sanften Umgang mit der Natur gepflegt. Wenn man diese kulturelle Grundhaltung nicht verhindert durch Rahmenbedingungen, die zur industriellen Produktion zwingen, entfaltet sich dies von selbst. Die Neue Bäuerlichkeit wirkt sich auf die Dorf- und Stadterneuerung aus. Diese kulturelle Erneuerung wirkt sich wiederum auf den menschengerechten Umgang in der Produktionsweise aus und der gemeinschaftlichen Verflechtung gesellschaftlicher Belange. Der Schlüssel dazu liegt wie häufig im Immateriellen. In der Hässlichkeit der zerstörten Umwelt spiegelt sich die Hässlichkeit unserer Seelen wider. In den gefährdenden Monokulturen spiegelt sich der Egoismus auch unser Egoismus wider. Und in den zerstörten Wäldern spiegelt sich unsere zerstörte Beziehung zum Leben wider. Wir müssen beim Immateriellen und Geistigen beginnen, um das Materielle wieder in den Griff zu bekommen.

Im Hinblick auf die Dorferneuerung behaupten böse Zungen gelegentlich, dass dies das Schminken von Leichen sei. Dabei wird die Wechselwirkung übersehen: Das neue Gesicht des Dorfes außen beeinflusst auch das innere Gesicht. Es handelt sich also einerseits um eine innere Sicht einer kulturellen und überlebensnotwendige Aufgabe für die Industriegesellschaft. Andererseits die Auswirkung im Konkreten, die wieder zurückbeflügelt und Freiheit freisetzt und damit neue Initiativen ermöglicht.

 

Führungsgrundsätze:

 

Mitarbeiter fördern und Konflikte aushandeln

 

Konfliktfähigkeit ist ein Lernprozess. Führungskräfte müssen in diesem Prozess alle Beteiligten mit einbeziehen. Nur so entstehen Kreativität, Initiative und Erfolg, von denen langfristig alle profitieren.

Der Bürgermeister braucht zusammen mit seinen Mitarbeitern und Bürgern ein Klima der Lernfähigkeit, der Kreativität und der Initiativen. Er kann das am Besten erreichen, wenn er sich an den alten Grundsatz hält, der schon im Evangelium geschrieben steht: „Wer der erste ist, ist der Diener aller.“ Der Bürgermeister muss jene Mitarbeiter fördern, die in den Bereichen ausgebildeter und mehr zu leisten vermögen als er selbst. Eine Führungskraft wie der Bürgermeister, der keine Mitarbeiter hat, die in der Lage sind, etwas besser zu können als er selbst, ist die falsche Führungskraft. Die Führungskraft soll sogar den Gegner fördern nach dem alten christlichen Prinzip: „Liebe deine Feinde.“ Auch wenn dies sehr theoretisch klingt, handelt es sich um ein praktisches Erfolgskonzept. Prof. Millendorfer kennt dies aus eigener Erfahrung. Als wissenschaftlicher Leiter eines Unternehmens in der Industrie war sein natürlicher Feind der kaufmännische Direktor. Gute Ideen gehen all zu häufig zu Grunde, weil zu früh an die Kosten gedacht wird. Freilich ist anzumerken, dass eine Firma auch dann zu Grunde geht, wenn man zu spät an die Kosten denkt. Es gilt jedoch: Der Konflikt muss ausgetragen werden und darf nicht unter den Teppich gekehrt werden. Je fruchtbarer ein Konflikt, umso besser für alle Beteiligten. Man kann von der anderen Seite etwas lernen, weil der eine ja gerade eine entgegengesetzte Meinung hat als der andere. Dem Bürgermeister wird also nahe gelegt, dass er Kritiker oder Verantwortliche einer anderen Partei in den gemeinsamen Lernprozess der Konfliktlösung mit einbezieht. Am Ende des Prozess entsteht ein Arbeitsklima, das den Bürgermeister von vielen Aufgaben entlastet, die nun die Mitarbeiter mit eigener Initiative und Freude durchführen. Er macht sich damit nicht etwa unnötig, sondern ganz im Gegenteil – er vervielfacht sich dadurch indem er den Mitarbeitern dient. Er entfaltet Kreativität und all dies stützt seine Autorität, weil die Erfolge sichtbar werden.

Das Prinzip des Gleichgewichts von Sachen, Menschen und Sinn – Gegensätze beherrschen und fruchtbar machen.

Beim Sachbereich handelt es sich um funktionale Aspekte wie z.B. die Organisation und Hierarchie in einer Gemeinde oder einem Betrieb. Der menschliche Bereich regelt und ordnet zwischenmenschliche Beziehungen. Im dritten Bereich steht die Frage nach dem Sinn des jeweiligen Handelns im Vordergrund, was insbesondere im Leitbild einer Institution deutlich wird. Aber auch die Frage, was das gegenwärtige Handeln für die nachfolgenden Generationen bedeutet, gehört hierzu.

Die Managementtheorie fasst diesen Sachverhalt mit folgenden Kurzbezeichnungen zusammen: Der sach-, der mensch- und der ziel- oder sinnbezogene Führungsstil. Alle drei Führungsstile sind notwendig. Gibt es einen Engpass in einem Bereich, muss dort angesetzt werden. Wiederum gibt es eine Stelle im Evangelium, die genau diesen Sachverhalt anspricht: „Das Wichtigste am Gesetz ist Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glauben.“ Auf den Führungsstil bezogen heißt das objektive Sachbeziehungen, Menschbeziehungen und Sinnbeziehungen gleichermaßen berücksichtigen. Um diese drei Bereiche in ein Gleichgewicht zu bringen, lautet die entscheidende Führungs- oder Verhaltensregel, Gegensätze beherrschen lernen und fruchtbar machen. In unseren Breitengraden wird dagegen noch zu sehr die Konfliktbewältigung betont und zu wenig die Konfliktfähigkeit.

 

Ausblick: Arbeits- und Lebenswelt im ländlichen Kulturraum

 

In Zukunft wird die Landbevölkerung zunehmend Berufen nachgehen, die bislang von den Ballungszentren ausgingen. Umgekehrt wird die Stadtbevölkerung zunehmend den ländlichen Raum für sich entdecken.

Es gibt in Österreich eine Reihe von jungen Landwirten, die Computerprogramme für Firmen in Ballungszentren entwickeln. Die Tendenz, dass vor allem junge Bauern neben ihrer eigentlichen Tätigkeit beispielsweise auch als Programmierer tätig sind, ist keine Ausnahmeerscheinung mehr. Eine Erklärung für diese erfolgreiche Doppeltätigkeit der Bauern ist die – in diesem Zusammenhang vielleicht etwas befremdlich klingend – dass die bäuerliche Denkweise noch nicht so auf die linke Gehirnhälfte eingeengt ist. Die Gehirnphysiologie weiß, dass es eine rechte und eine linke Gehirnhälfte gibt. Die linke Hälfte funktioniert wie ein Computer und arbeitet bewusst in logischen Schritten. Die rechte Gehirnhälfte dagegen betrachtet die Dinge in ihrer Gesamtheit und Ganzheitlichkeit. Wenn nun diese Hälfte nicht genügend eingesetzt wird, dann sehen wir – wie es der Volksmund plausibel ausdrückt – den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und nun zeigt sich aufgrund der Erhebungen von STUDIA, dass in bäuerlichen Regionen die Lerneffizienz höher ist als im verstädterten Raum. Höhere Lerneffizienz bedeutet eine zusätzliche Wertschöpfung durch Bildung, d.h. die Resultate der Bildung sind besser. Die lernende Informationsgesellschaft hat in Zukunft ihren Ort deshalb im ländlichen Raum, weil dort die geistige Fähigkeit – nämlich ganzheitliches Denken in Wechselwirkung mit der linken Gehirnhälfte – noch nicht eingeschränkt ist. Auf dem Land befinden sich also jene umfassend denkenden Menschen, die für die Gesellschaft notwendig sind. Um eine nachhaltige und lebensgerechte Gesellschaft für die Zukunft zu entwickeln, müssen wir den bäuerlichen Kulturraum erhalten und ausbauen.

In der Zukunft wird es viele neue Möglichkeiten geben, Arbeitswelt und Lebenswelt miteinander zu verknüpfen – und das im ländlichen Raum. Es handelt sich hier um einen Produktionsfaktor höherer Ordnung, der erst in Ansätzen verwirklicht worden ist. Dazu zählt nicht nur unser erwähntes Beispiel, dass der Bauer auf dem Feld arbeitet und Computerprogramme entwickelt. Auch viele Städter leben bereits im bäuerlichen Kulturraum und können aufgrund der neuen Kommunikationsmöglichkeiten von dort aus arbeiten. Arbeitsplätze werden so von den Ballungsgebieten in die peripheren Räume ausgelagert. Städtische Zweitbewohner werden zu Erstbewohnern und somit in die bäuerliche Kultur, die das Überleben der Industrie- und Informationsgesellschaft sichert, integriert.

 

 

 

Christliche Werte als Lebenskonzept

 

Woher nimmt Prof. Millendorfer die Motivation für seine Arbeit? Was sind für ihn die entscheidenden Werte und Tugenden nach denen wir handeln sollten?

In den folgenden Ausführungen erläutert er seine Tätigkeit als Aufklärer im Sinne eines christlichen Lebenskonzeptes:

„Die Motivation liegt im Wort ‚spes‘. Spes heißt Hoffnung. Spes ist ein lateinisches Wort und auch die Kurzform für Studiengesellschaft der Programme sozialer Strukturen. Nur ist die Hoffnung der größte Mangel in unserer Zeit. Von den christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung wird allein schon der Glaube nur dürftig gelebt. Ebenso verhält es sich mit der Liebe; sie wird in unserer Gesellschaft häufig gar nicht als eine Tugend verstanden. Das Defizit an Hoffnung wird besonders bei der Jugend deutlich. Und nur der, der eine begründete Hoffnung an den Tag legt, dient den Menschen in unserer Zeit am Besten. Denn ohne Hoffnung verlieren wir letztlich auch den Glauben und die Liebe.

Ich betrachte meine Tätigkeit zutiefst als Werk Gottes, als Dienst an seinem Reich. Die Aufgaben, die wir im Leben zu leisten haben, sind manchmal so schwer, dass wir ohne das Wissen um die Unterstützung durch unseren Herrn eigentliche keine Chance haben. Persönlich ausgedrückt heißt das, dass ich immer überfordert bin. Das ist eine Tatsache. Nur habe ich eine Verheißung wie alle Christen: In meiner Schwachheit bin ich stark. Fühle ich mich heute schwach, so werde ich mich morgen wieder sehr stark fühlen. Der Herr vollbringt es tatsächlich und das möchte ich weitergeben. Wie oft befindet man sich in einer Situation und glaubt, dass es nicht mehr weiter geht. Dann zu sagen, wenn ihr auf den Herrn setzt, der alles zusammenbringt, wird es weiter gehen – das ist ein starkes Motiv, weil es eine Hoffnung birgt, die auch unter Schwierigkeiten nicht vergeht.

Die Quelle der Hoffnung steht im Buch Die Offenbarung geschrieben: ‚Dann sah ich den Himmel offen, und siehe, da war ein weißes Pferd, und der, der auf ihm saß, heißt ‚Der Treue’ und ‚Der Wahrhaftige’. Der Herr hat einen Namen, der im Leben jeden Tag und jede Stunde da ist und in allen Lebensbereichen eine tiefe Bedeutung hat:

Wahr ist, dass die Bauern in einer schwierigen Situation sind. Treu sein heißt, gerade die bäuerliche Art als Grundlage einer neuen Hoffnung zu nehmen. Wahr ist, dass ich Fehler habe. Treu sein heißt, dass ich und die anderen auch mit mir auskommen müssen. Wahr ist, dass andere an mir schuldig werden. Treu sein heißt, zu vergeben, weil ich auch von Gott Vergebung brauche. Wahr ist, dass in unserem Land Korruption leider zum Alltagsproblem geworden ist. Treu sein heißt, dem Land nach besten Gewissen zu dienen, weil unsere Jugend ein Recht auf Hoffnung hat. Wahr ist, dass die Kirche die Infrastruktur ist für die Heiligen, die sie nicht verhindern konnte. Treu sein heißt, zur Kirche, die in der Spannung zwischen Institution und Charisma leidet, ja zu sagen. Wahr ist, dass bei einem Forschungsprojekt immer offen ist, ob es funktioniert. Treu sein heißt, die Arbeit auf sich nehmen trotz der Schwierigkeiten, die auf einen zukommen.

Der Treue und der Wahrhaftige – wir haben also einen Namen, den man in jeder Situation leben kann. Treu und wahr sind Werte, die in unserem Volk durch Jahrhunderte gelebt wurden. Treu und wahr – das ist ein Lebenskonzept.“

 

Auswahl Veröffentlichungen

 

 

 

Millendorfer J.; Gaspari Ch.: Konturen einer Wende. Strategien für die Zukunft
(Graz, Wien, Köln 1978)

 

Millendorfer J.; Gaspari Ch.: Prognosen für Österreich. Fakten und Formeln der Entwicklung
(Wien, 1978)

 

STUDIA: Der ländliche Raum in der Wende der Industriegesellschaft – Ursachen und Wirkungen bäuerlicher Produktions- und Lebensformen
(Laxenburg, 1987)

 

STUDIA: Multifunktionale Landwirtschaft in der Krise der europäischen Agrarpolitik
(Laxenburg, 1993)

 

 

 

 

 

 

 

1 Adam Smith (1723-1790), schottischer Moralphilosoph und Begründer der klassischen Volkswirtschaftslehre. Smiths Wirken in der Ökonomie war vielseitig. So befasste er sich mit Arbeitsteilung, dem Prinzip des freien Marktes, der Verteilungstheorie, der Außenhandelstheorie und der Rolle des Staates. 1776 erschien sein ökonomisches Hauptwerk Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Das Erscheinen dieses Buches wird als Geburtsstunde der Nationalökonomie angesehen.

 

 

2 Das Institut für Demoskopie Allensbach – Gesellschaft zum Studium der öffentlichen Meinung mbH (IfD) mit Sitz in Allensbach am Bodensee ist eines der bekanntesten Meinungsforschungsinstitute in Deutschland.