Originalfilm

 

Im Gespräch: Dr. Anneliese Fuchs

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Mann, Frau und Familie in der heutigen Zeit ist ein Teil davon. Der folgende Inhalt ist aus dem Gespräch zwischen Robert Moser, Gründer von Wert- Impulse, und Dr. Anneliese Fuchs, Leiterin des Arbeitsgemeinschaft für Präventivpsychologie in Wien, entstanden. Erläutert werden die Zusammenhänge von Gesellschaft, Wirtschaft und Familie, Mann und Frau. Frau Dr. Fuchs hinterfragt kritisch bestehende Strukturen, die sich insgesamt negativ auf den Menschen auswirken. Es werden fundierte Möglichkeiten aufgezeigt, die für eine positive gesellschaftliche Veränderung notwendig sind.

Kurzbiographie von Dr. Anneliese Fuchs

Geboren in Wien 1938
Psychologin

Langjährige Tätigkeit in der Privatwirtschaft; bekannt geworden durch die mit Hans Millendorfer und Christof Gaspari zusammen verfasste wegweisende Arbeit Makropsychologische Untersuchung der Familie in Europa (1977) und der Studie Hauptfaktoren der Gesundheitsentwicklung (1978); 1980 Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Präventivpsychologie, die Theorie und Praxis im psychologischen Gebiet vereint; 1992 Gründung der PILOT Persönlichkeits-Impulse Organisations-Trainings-Ges.mbH, Geschäftsführerin

 

Auswahl von Veröffentlichungen

Ist die Familie noch zu retten? Woran sie krankt, wie sie zu heilen ist
(Freiburg 1981)

 

Die besseren Zwei. Mann und Frau in der Gesellschaft heute
(Linz,1986)

 

Fällt der Mann vom Podest? Hausfrauendasein und Männerkarrieren
(Linz, 1989)

 

Entwicklung der Person. Dynamik des Lebens
(Wien, 2002)

 

Kurzinhalt


* Präventivpsychologie
Durch präventive psychologische Beratung werden richtungsweisende Impulse
vermittelt, die den Menschen dabei helfen, kritische Lebenssituationen zu meistern.

 

* Verfallserscheinungen in Familie und Gesellschaft
Zerrüttete Familien, Polarisierung von Mann und Frau in der Ehe, mehr Scheidungen
und die steigende Selbstmordrate sind Symptome, die den alarmierenden Zustand
der Gesellschaft uns nur zu deutlich vor Augen führen.

 

* Die Qualitäten der Frau und die des Mannes
Die Qualitäten der Frau und die des Mannes sind für eine gesunde Gesellschaft
unentbehrlich. Was wir brauchen, sind Übergänge weiblicher und männlicher
Qualitäten bei beiden Geschlechtern.

 

* Für Veränderungen ist es nie zu spät
Für Veränderungen ist es nie zu spät. Aller Anfang ist die Reflektion über sich selbst.
Konflikte mit sich oder mit anderen bedeuten Chancen für eine bessere Gesellschaft.

 

* Psychologische Aspekte des Wohnens
Große Wohnkomplexe entsprechen nicht unserer psychischen Struktur. Um Isolation
und Anonymität entgegenzuwirken, bedarf es eines dorfähnlichen Zusammenlebens.

 

* Dialog der Generationen
In jedem Lebensabschnitt übernehmen wir Aufgaben, die für Familie und Gesellschaft
wichtig sind. Die ältere Generation muss wieder verstärkt in die Gesellschaft
integriert werden.

 

* Veränderungsprozesse in Unternehmen
Die gemeinsame Realisierung eines nachhaltigen Leitbildes bedeutet Freisetzung von
Energie, Kreativität und Effizienz. Vom Mitarbeiter bis zur Führungskraft – alle
profitieren davon.

 

* Die Position der Frau im Beruf
Wir brauchen gesellschaftliche Modelle für die Frau, die Kindererziehung und
Entwicklungsmöglichkeiten im Beruf gleichermaßen berücksichtigen.

 

* Wo schlägt das Herz der Gesellschaft?
Die positiven Kräfte sind in uns – die Zeit für ein Umdenken ist gekommen.

 

 

Inhalt

 

 

Wertorientierte EntwicklungeN

Dr. Anneliese Fuchs

Mann, Frau und Familie in der heutigen Zeit

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Mann, Frau und Familie in der heutigen Zeit ist ein Teil davon. Der folgende Inhalt ist aus dem Gespräch zwischen Robert Moser, Gründer von Wert- Impulse, und Dr. Anneliese Fuchs, Leiterin des Institutes für Präventivpsychologie in Wien, entstanden. Erläutert werden die Zusammenhänge von Gesellschaft, Wirtschaft und Familie, Mann und Frau. Frau Dr. Fuchs hinterfragt kritisch bestehende Strukturen, die sich insgesamt negativ auf den Menschen auswirken. Es werden fundierte Möglichkeiten aufgezeigt, die für eine positive gesellschaftliche Veränderung notwendig sind.

 

Präventivpsychologie

 

Durch präventive psychologische Beratung werden richtungsweisende Impulse vermittelt, die den Menschen dabei helfen, kritische Lebenssituationen zu meistern.

Frau Dr. Fuchs gründete das Institut für Präventivpsychologie in Wien im Jahr 1980. Durch die Ergebnisse ihrer langjährigen wissenschaftlichen Tätigkeit wurde ihr immer bewusster, dass die Menschen sich gesellschaftlich in allen Lebensbereichen systematisch zerstören. Erst wenn es zu spät ist, versuchen die Menschen im Nachhinein in kleinen Schritten mühsam und mit hohem finanziellen Aufwand die Fehler wieder zu reparieren. Die Reparation im psychischen Bereich bedeuted Symptome zum Verschwinden zu bringen. Die Ursachen jedoch werden dabei nicht beachtet. Frau Dr. Fuchs erkannte die Notwendigkeit, präventive Maßnahmen zu ergreifen. Sie und ihre Kollegen leisten Aufklärungsarbeit unter anderem auch dadurch, dass sie Vorträge im gesamten Land halten.

Freilich sind bei solchen Vorträgen sehr viele Menschen anwesend, so dass man sich nicht mit dem Einzelnen auseinandersetzen kann. Es hat sich jedoch gezeigt, dass Menschen nur wenige Impulse benötigen, um das Richtige für sich selbst zu tun: Die Menschen sind grundsätzlich gesünder als man glaubt. Durch die Vorträge werden sie auf sich selbst aufmerksam und suchen Schulungen und Workshops auf.

Auch das Institut für Präventivpsychologie bietet Schulungen an. Der Schwerpunkt liegt dabei in Betriebsschulungen, weil der Mensch im Betrieb ansprechbarer auf psychische Sachverhalte ist als zu Hause. Dies trifft vor allem auf die Männer zu. Spricht man den Mann zu Hause in der Familie auf psychologische Sachverhalte an, ist er nicht anwesend. In der Firma dagegen ist es viel leichter mit dem Mann über psychische Probleme zu sprechen. Es ist möglich, über die Firma in die Familie hineinzuwirken und damit Lebenssituationen zu verbessern.

 

Verfallserscheinungen in Familie und Gesellschaft

 

Zerrüttete Familien, Polarisierung von Mann und Frau in der Ehe, mehr Scheidungen und die steigende Selbstmordrate sind Symptome, die den alarmierenden Zustand der Gesellschaft uns nur zu deutlich vor Augen führen.

Eines der Forschungsprojekte mit dem sich das Institut befasste, waren die Strukturen in den Familien und deren Entwicklung in Europa. Folgende Fragestellungen standen dabei im Vordergrund: Wird die Familie zu klein? Wird die Frau mit Kindern allein gelassen? Wird die Familie zu instabil, d.h. steigen die Scheidungsraten? Und bekennt sich die Politik zum Menschen und zur Familie? Die Daten, die unter anderem von Prof. Hans Millendorfers1 Studiengruppe für Internationale Analysen erhoben wurden, zeigten, dass die Familie immer deutlicher aus einem größeren Konnex herausfallen. Weiters stellte man fest, dass die Selbstmordrate der Jugendlichen gestiegen waren. Zum ersten Mal wurde man auf das Phänomen des Selbstmords bei Kindern zwischen 7 und 14 Jahren aufmerksam, einem Phänomen, das vorher noch nicht einmal statistisch existierte. Es sind dies Verfallsphänome unserer Gesellschaft, in der vor allem kleine und instabile Familieneinheiten die Regel sind. Jedoch hängt nicht beides unmittelbar miteinander zusammen, sondern es handelt sich um Auswirkungen von Ursachen, die dahinterliegen.

Der bedenkliche Zustand unserer Gesellschaft und unserer Familien zeigt, dass die Menschen offensichtlich alles tun, um sich psychisch zu zerstören. In allen Bereichen der Gesellschaft ist der Zug zur Destruktion zu erkennen. Wir produzieren Waren, die wir nicht mehr benötigen. Die Industrie verschmutzt Umwelt und Natur, bis wir nicht mehr atmen und das Wasser nicht mehr trinken können. Die Zerstörung der Umwelt ist aus psychologischer Perspektive ein Symbol dafür, dass wir unsere innere Welt zerstören. Wir zerstören uns systematisch die Welt der Familie.

Die Qualitäten der Frau und die des Mannes sind für eine gesunde Gesellschaft unentbehrlich. Was wir brauchen, sind Übergänge weiblicher und männlicher Qualitäten bei beiden Geschlechtern.

Wir hetzen die Geschlechter aufeinander. Die Frauen werden zu Hause auf Persönlichkeitsqualitäten, auf Gefühl, auf Demut und auf Dienstleistung am Nächsten programmiert. Häufig können die Frauen nicht an den Rechten der Gesellschaft teilhaben und werden manchmal zu rechtlosen, hilflosen und verachteten Existenzen diffamiert. Die Männer werden überlastet mit unnötiger Arbeit, mit einer Arbeit, die nicht zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung beiträgt und auch nicht zur Wirtschaftsentwicklung. Sie sind gestresste Menschen, die nach der Arbeit nach Hause kommen und nicht reden können, weil ihre Gedanken noch immer bei der Arbeit sind. Mann und Frau werden gegenläufig programmiert. Wir müssen den Ehepaaren und den Familien Möglichkeiten und Hilfestellungen geben, damit sie wieder miteinander reden und ein erfülltes Familienleben erlangen. Nie zuvor gab es in unserer Gesellschaft so viele selbstmordgefährdete Frauen, die an ihrer Ehe zerbrechen. Es gab noch nie so viel Scheidungen wie in der heutigen Zeit. Und es gab noch nie so viel Frauen, die die Scheidung eingereicht haben.

In ihrem Buch Die besseren Zwei beschreibt Frau Dr. Fuchs wie notwendig und wertvoll die Qualitäten und Fähigkeiten von Mann und Frau für die Gesellschaft sind. Zu betonen ist dabei, dass dies nicht einseitig in Bezug auf das Geschlecht zu sehen ist, sondern integrativ. So sollte der Mann verstehen, dass auch er die Qualitäten der Frau in sich trägt, die er durch Erziehung und Veranlagung mit auf den Weg bekommen hat. Wenn er sich selbst fördern und etwas für die Gesellschaft tun möchte, benötigt er weibliche Eigenschaften wie beispielsweise Emotionen. Und auch die Frauen sollen das Männliche in sich fördern; wir müssen vollere Menschen werden. Nur so wird man imstande sein, eine Welt aufzubauen ohne desintegrative und destruktive Erscheinungen.

Für Veränderungen ist es nie zu spät. Aller Anfang ist die Reflektion über sich selbst. Konflikte mit sich oder mit anderen bedeuten Chancen für eine bessere Gesellschaft.

Es ist die Einstellung des einzelnen Menschen, die zu einer Veränderung der Gesellschaft beiträgt In den letzten Jahren ist immer sichtbarer geworden, dass der Wunsch und der Wille zu einer Veränderung vorhanden ist. Der einzelne Mensch sollte stets auf unterschiedlichsten Niveaus an Veränderungen arbeiten. Die intensive Arbeit an einem selbst ist die erste Phase: Fortbildungskurse besuchen und die Reflektion über die eigene Persönlichkeit sind Möglichkeiten eigene Veränderungen herbeizuführen. Die zweite Arbeit betrifft die eigene Familie. Jede Familie hat Probleme, die man offen ansprechen muss. Dadurch entstehen natürlich Konflikte, die bewältigt werden müssen. Der dritte Bereich bezieht sich auf die Politik und die Arbeitswelt. Die Politik liefert uns die Vorbedingungen, um Veränderungen langfristig durchzusetzen. In Betrieben erkennt man häufig, dass Strukturen bestimmte Verhaltensweisen zulassen oder nicht. Gibt es zum Beispiel in einem Betrieb einen sehr autoritären Chef, der keine Kritik duldet, kann in diesem Arbeitsumfeld keine Kreativität und keine Motivation entstehen. Der Chef selbst unterbindet so zwei ganz wesentliche Kraftquellen. Betriebe sind folglich dahingehend zu verändern, dass die Führungskräfte verstehen, dass sie durch weniger Autorität mehr Energie bündeln können.

 

Psychologische Aspekte des Wohnens

 

Große Wohnkomplexe entsprechen nicht unserer psychischen Struktur. Um Isolation und Anonymität entgegenzuwirken, bedarf es eines dorfähnlichen Zusammenlebens.

Um Veränderungen in der Gesellschaft herbeizuführen, darf man den Blick nicht auf die alltäglichen Aspekte des Lebens verschließen. Dazu zählt vor allem die Wohnsituation, die jeden Menschen beeinflussen. Hier sind Veränderungen ohne besonderen Aufwand möglich. In ihrem Buch Ist die Familie noch zu retten? hat sich Frau Dr. Fuchs mit dem Thema Wohnen intensiv auseinandergesetzt.

Nach ihrer Auffassung leiden wir noch immer an den Anfängen der industriellen Revolution. In dieser Zeit wurden die Arbeiter in möglichst kostengünstige und kleine Räume zusammengefasst, so dass sich in der Folge auch die Familiengröße verringerte. Wohnungen nach dem Prinzip kostengünstig und einfach zu bauen, entspricht dem heutigen so genannten sozialen Wohnbau. Doch es ist eine Zumutung dies als sozial zu bezeichnen. Denn dem Menschen wird sozusagen nicht mehr als ein Dach über den Kopf zur Verfügung gestellt. Wesentliche psychologische Faktoren werden gänzlich außer Acht gelassen – was bedeuted es z.B. für einen Menschen in einem Hochhaus im 20. Stock zu leben? Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Selbstmordrate ab dem 6.Stock steigt.

Diese „Bienenwabenbauten“ entsprechen nicht unserer Psychostruktur. Die Bewohner solcher Großsiedlungen fühlen sich bedrängt von den Nachbarn, die über, unter und neben ihnen wohnen. Gleich einem Reflex beginnt man sich zu isolieren. Man hat festgestellt, dass die Größe des Wohnkomplex sich proportional zur Isolierung der Menschen verhält. Je größer die Wohnkomplexe sind, desto weniger reden und kooperieren die Menschen miteinander.

Die Baumaterialien sind zumeist so beschaffen, dass sie schallleitend sind. Wenn nun eine Familie mit 2 oder 3 Kindern in eine solche Großsiedlung einzieht, dann sind Konflikte und Spannungen zwischen den Bewohnern vorprogrammiert. Ein Pensionist wird die Lautstärke der Familie in dieser anonymen Atmosphäre nicht aushalten. Neue Formen des Zusammenlebens müssen entwickelt werden, damit Konflikte wie diese nicht in einer Katastrophe für alle Beteiligten enden. Möglichkeiten für ein menschengerechtes Leben in großen Wohnkomplexen können so genannte Kommunikationsräume sein, in denen sich die Bewohner treffen und miteinander kommunizieren. Es gilt, dorfähnliche Strukturen auch in Wohnsiedlungen wiederherzustellen ohne jedoch die Intimsphäre des Einzelnen zu stören. Auf diese Weise ist es möglich, dass der ältere Mensch sich für die Jugendlichen und Kinder verantwortlich fühlen können. In der Kooperation zwischen junger und alter Generation liegt der Schlüssel für ein harmonisches Miteinander.

 

Dialog der Generationen

 

In jedem Lebensabschnitt übernehmen wir Aufgaben, die für Familie und Gesellschaft wichtig sind. Die ältere Generation muss wieder verstärkt in die Gesellschaft integriert werden.

Kleine Familien sind heutzutage Normalität und die familiären Beziehungen zwischen den Generationen werden immer geringer. Anstatt eines Zusammenlebens in einer Großfamilie, in der jedes Familienmitglied seine ihm zugedachte Rolle spielt, trifft man die Großeltern vielleicht am Wochenende und andere Verwandte noch seltener. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Menschen die Spannungen und Schwierigkeiten fürchten, die jedes Familienmitglied mit sich bringt. Wir sind eine Gesellschaft, die Krisen und Probleme ablehnt. Doch sollten wir dies als Chance nutzen, um daran zu wachsen. Statt sich mit familiären Konflikten aus- einanderzusetzen, meiden wir sie allzuoft, bis die Probleme so groß werden, dass sie ohne Hilfe von außen nicht mehr zu überwinden sind. Wie gestalten wir also den Dialog zwischen den Generationen und zwischen den Menschen überhaupt? Wie sollen wir mit Konflikten dieser Art umgehen? Frau Dr. Fuchs erzählt aus ihren eigenen Erfahrungen:

„Ich habe zusammen mit meinem Mann drei Kinder und somit stellen wir eine Kernfamilie dar. Von Anfang an war mir aber klar, dass ich nicht als ganzer Mensch ohne Hilfe in der Familie leben kann. Folglich habe ich meine Mutter von Anfang an – also seit der Geburt meines ersten Kindes – in die Familie integriert. Es war anfänglich um einiges schwieriger als wenn ich es allein gemacht hätte. Denn meine Mutter ist genauso dominant, selbstgerecht und leistungsmotiviert wie ich gewesen. Es ist leicht vorzustellen, welche Konflikte wir da ausgefochten haben. Schließlich haben wir es jedoch geschafft und konnten uns einigen. Kurz vor ihrem Tod dann habe ich festgestellt, dass unser Verhältnis als sie 80 Jahre alt war wesentlich harmonischer war als mit 60 Jahren. Es hat mich ungeheuer fasziniert, dass meine Mutter zwischen 60 und 80 Jahren so viel gelernt hat. Sie hat Dinge gelernt, die sie vorher nicht gekannt hatte, so dass auch ich von ihr gelernt habe. Darüber hinaus haben meine Kinder den Alterungsprozess der Großmutter erlebt. Somit kennen sie keine Ängste gegenüber dem Verfall des Menschen, dass das Alter mit sich bringt. Die Kinder wissen: Auch wenn der Mensch verlöscht, bleibt eine Substanz übrig, die weit über das körperliche Wohlbefinden hinausgeht.“

Der Mensch übernimmt in jeder Phase seines Lebenszyklus bestimmte Aufgaben, die für die Familie und die Gesellschaft wichtig sind. In jeder Phase hat er damit auch die Möglichkeit, sich weiter zu entwicklen. Die ältere Generation wird in unserer heutigen Gesellschaft ins Abseits gestellt und als wertlos betrachtet. Vergessen wird dabei, dass man sich so einer großen Kraft entzieht, die für die Gesellschaft von enormer Bedeutung ist. Die Psychologie hat in dieser Hinsicht manche Fehler begangen. Denn Sigmund Freud meinte, dass der Mensch nur bis 40 therapiert werden könne, da er danach nicht mehr zu Veränderungen fähig sei. Doch wissen wir, dass die Menschen sich bis zu ihrem Tode ändern können. Wir dürfen uns das Erfahrungs- und Gefühlspotenzial der älteren Menschen – des Ältestenrates – nicht entgehen lassen. Das derzeitige Wirtschaftssystem hat sich auf unser gesellschaftliches Bewusstsein übertragen. Die Menschen werden sozusagen weggeworfen, wenn sie am Produktionsprozess der Wirtschaft nicht mehr teilnehmen. Er wird gar zu oft abwertend als Pensionist klassifiziert und wir vergessen dabei, welche tiefen Lebenserfahrungen in ihm stecken.

 

Veränderungsprozesse in Unternehmen

 

Die gemeinsame Realisierung eines nachhaltigen Leitbildes bedeuted Freisetzung von Energie, Kreativität und Effizienz. Vom Mitarbeiter bis zur Führungskraft – alle profitieren davon.

Anstatt die Gesellschaft als ein Gemeinsames zu begreifen, werden stets Trennungen und Isolierungen vorgenommen: Verdienende und Pensionisten, alte und junge Generation, Männer und Frauen, hier der Beruf und dort das Zuhause usw. Die Grenzen zwischen den Menschen und den jeweiligen Lebensbereichen müssen aufgelockert werden. Ein Zusammenwirken aller Teile ist notwendiger denn je.

Mit dem Denkschema, dass in der Wirtschaft derzeit vorherrscht, ist eine Lösung nicht in Sicht. Wir benötigen ein menschorientiertes System, dass den Schwerpunkt auf den Verbraucher und den Dienstleister setzt. Momentan haben wir ein betriebsorientiertes System: Ein Angestellter oder Beamter verbringt acht Stunden am Tag im Betrieb, ohne dass es durchsichtig ist, wieviel tatsächlich geleistet wurde. Betriebswirtschaftlich ist dies ein ungünstiges System, weil man nicht Leistung, sondern Arbeitszeit zahlt. Die Spitäler, die nach diesem Struktursystem aufgebaut sind, zeigen diese Problematik besonders eindringlich. Viele Leistungen können sowohl finanziell als auch menschengerecht nicht mehr geleistet werden. Eine ganze Reihe von leichten medizinischen Störungen ließen sich ohne Weiteres auch von zu Hause aus mit einem Minimum der Kosten lösen. Der Umstieg auf Hauskrankenpflege ist eine Möglichkeit, nachhaltige Systeme im Gesundheitsbereich aufzubauen.

Psychologen nehmen in den letzten Jahren verstärkt eine beratende und begleitende Funktion in Betrieben ein, um Veränderungsprozesse einzuleiten. Grundsätzlich ist die Motivation bereits in der Struktur des Betriebes vorhanden. Der Psychologe hilft diese Struktur so zu ändern, dass die Arbeit selbst motivierend wird. Der erste Schritt besteht darin, dass eine Diskussion und ein Nachdenken über die Sinnhaftigkeit des eigenen Betriebs angeregt wird. Häufig stellt sich dann die Frage, ob man überhaupt noch den ursprünglichen Leitbildern gerecht wird. Anstatt das Leitbild bewusst zu leben, wird der Betrieb in der Regel einfach als Möglichkeit gesehen, um Geld zu verdienen. Den Mitarbeitern ist oft nicht bewusst, dass auch der Betrieb einen Sinn für die Gesellschaft hat. Der zweite Schritt im Veränderungsprozess eines Unternehmens ist der, dass Mitarbeiter aller Ebenen, sich ein neues Leitbild schaffen, was zuweilen einige Jahre in Anspruch nehmen kann. Der dritte Schritt erweist sich als der schwierigste, nämlich der der praktischen Umsetzung des Leitbildes. Führungskräfte und Angestellte arbeiten gemeinsam an diesem Prozess, so dass es einen ununterbrochenen Austausch gibt: Positive Spannungsverhältnisse untereinander sind ein charakteristisches Merkmal eines solchen Prozesses. In der gemeinsamen Kommunikation und der gemeinsamen Entscheidung aller Mitarbeiter kann dann die neue Struktur im Betrieb eingeführt werden.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob durch den Veränderungsprozess ein Betrieb nicht unwirtschaftlich wird. Das ist eine Befürchtung, die freilich jeder Unternehmer zu Beginn hat. Die Verwunderung ist dann um so größer, wenn er feststellt, dass er durch die Veränderung der Struktur mehr Kreativität zur Verfügung hat, weil die Mitarbeiter besser kommunizieren. Auch hat der Arbeitnehmer mehr Einsicht in die Kostenprozesse. Es gibt Beispiele vorbildlichen Handelns in Betrieben, in denen Mitarbeiter aufgrund negativer Bilanzen auf Gehaltserhöhungen verzichten. Durch diese persönliche Anteilnahme am Betriebsgeschehen wird psychisches Potenzial frei. Dies führt dazu, dass der Betrieb wesentlich effizienter funktioniert und langfristig wieder Gewinne einfährt.

Wir gehen auf zwei Beinen in einem Betrieb, d.h. auf dem einen Bein gehen wir mit dem menschlichen Kapital und auf dem anderen mit dem sachlichen Kapital. Wenn wir nicht auf beiden Beinen gehen, dann sind wir ineffizient. Mitarbeiter, die in Unternehmen nur sachlich denken und handeln, werden langfristig auf den Rücken anderer Kollegen arbeiten. Auf diese Weise geht man der menschlichen Ressourcen verlustig und der Betrieb schreibt rote Zahlen.

 

Die Position der Frau im Beruf

 

Wir brauchen gesellschaftliche Modelle für die Frau, die Kindererziehung und Enwicklungsmöglichkeiten im Beruf gleichermaßen berücksichtigen.

Die Position der Frau in der Arbeitswelt ist nach wie vor eine denkbar schlechte. Die großen Unternehmen werden von Männern geleitet. Es ist zwar eine steigende Prozentzahl von Frauen zu verzeichnen, die Führungspositionen innehaben, doch meist handelt es sich dabei um mittelständische Betriebe. Die von Männern geführten großen Unternehmen konzentrieren sich zuerst auf Sanierung und Bilanzen. Es bleibt zu hoffen, dass im Anschluss daran auch das Frauenproblem auf der Agenda stehen wird.

Eine Frau, die mehrere Kinder hat, muss in ihrer Funktion als Mutter in erster Linie zu Hause bleiben. Die Arbeit zu Hause – Kinder und Haushalt – bedeuted für sie einige Jahre eine Reduktion ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten. Es ist notwendig, Modelle zu entwickeln, die Beruf und Kind besser miteinander in Einklang bringen. Zunächst einmal ist es wichtig, dass eine Mutter Hilfe von außen bekommt, solange ihre Kinder noch nicht in den Kindergarten gehen. Mütter wissen aus eigener Erfahrung, dass es psychisch sehr belastend sein kann, sich tagein und tagaus um Kleinkinder zu kümmern. Besuchen die Kinder einige Jahre später den Kindergarten, sollte der Frau die Möglichkeit gegeben werden, beispielsweise von zu Hause aus, etwas für die Gesellschaft tun zu können. Denn es ist eigentlich eine Brutalität der Gesellschaft, dass sie die Frau auf den Haushalt reduziert und ihr die Entwicklungschancen in die Gesellschaft hinein verwehrt. Daher brauchen wir für die Frau flexible Arbeitszeiten. Damit ist nicht Teilzeitarbeit gemeint, sondern eine Arbeitszeitgestaltung, die ihrer Struktur als Mutter entspricht.

Frau Dr. Fuchs berichtet, dass sie im Auftrag eines großen Unternehmens eine Arbeit verfasste, die sich über die Entwicklungsmöglichkeiten der Frau auseinandersetzte. Sie schlug vor, dass die männlichen Mitarbeiter den Sekretariatsbereich übernehmen sollten, weil diese ohne weiteres acht Stunden im Betrieb tätig sein könnten. Die Frauen dagegen sollten die Führungspositionen wahrnehmen, in denen sie sich kurzfristig einen Überblick schaffen können. Ebenso sollten die Frauen an Schulungen teilnehmen, so dass sie Einfluss auf die Struktur des Unternehmens hätten. Man hat diesen Vorschlag als Witz verstanden und in Folge dessen geflissentlich übersehen.

 

Wo schlägt das Herz der Gesellschaft?

 

Die positiven Kräfte sind in uns – die Zeit für ein Umdenken ist gekommen.

Veränderungsprozesse für Arbeitswelt und Gesellschaft sind notwendig. Das wird unter anderem dadurch deutlich, dass die junge Generation nicht länger bereit ist Teilzeitarbeit zu leisten und dabei ¾ der gesamten Arbeit erledigen. Sie wollen keine Almosen in Form von Teilzeitjobs wahrnehmen, sondern sie möchten gleichberechtigt behandelt werden. Sie wollen Anerkennung, denn sie sind es, die für die Gesellschaft eine enorme Leistung bringen, indem sie die Kinder der nächsten Generation erziehen. Um es auf den Punkt zu bringen: Dort, wo unser Herz schlägt, dort, wo wir menschengerecht und ganzheitlich handeln, ist – symbolisch gesehen – der eigentliche Ursprung des Geldes und der Subventionen. Tatsächlich jedoch schlägt das Herz der Gesellschaft schlägt nach wie vor in den Großbetrieben, die eben nicht anders handeln als es gemeinhin für Betriebe zutrifft.

Die Zeit ist reif für Veränderungen und wir müssen den Menschen die Möglichkeit geben, Neues aufzubauen. Die Menschen spüren, dass eine gesellschaftliche Wende begonnen hat. Die Negativerscheinungen unseres bisherigen Handelns, die früher statistisch wahrnehmbar waren, sind nun vor aller Augen sichtbar: zerrüttete Familien, eine zerstörte Umwelt, die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz usw. Die gesunden Kräfte der Gegenbewegung haben wir in uns. Damit sich die gesunden Kräfte entwickeln können, ist nichts anderes nötig, als neue Strukturen für die jeweiligen Lebensbereiche zu schaffen.

 

 

 

Biografie

Geboren in Wien 1938

 

Psychologin

 

Langjährige Tätigkeit in der Privatwirtschaft; bekannt geworden durch die mit Hans Millendorfer und Christof Gaspari zusammen verfasste wegweisende Arbeit Makropsychologische Untersuchung der Familie in Europa (1977) und der Studie Hauptfaktoren der Gesundheitsentwicklung (1978); 1980 Gründung des Institutes für Präventivpsychologie, die Theorie und Praxis im psychologischen Gebiet vereint; 1992 Gründung der PILOT Persönlichkeits-Impulse Organisations-Trainings-Ges.mbH, Geschäftsführerin

 

Auswahl Veröffentlichungen

Ist die Familie noch zu retten? Woran sie krankt, wie sie zu heilen ist
(Freiburg 1981)

 

Die besseren Zwei. Mann und Frau in der Gesellschaft heute
(Linz,1986)

 

Fällt der Mann vom Podest? Hausfrauendasein und Männerkarrieren
(Linz, 1989)

 

Entwicklung der Person. Dynamik des Lebens
(Wien, 2002)

 

 

 

1 Prof. Hans Millendorfer gründete zusammen mit D. Meadows und C. Gaspari 1982 in Laxenburg bei Wien die Studiengruppe für Internationale Analysen. Sie entwickelten zahlreiche systemanalytische Verfahren, mit denen sie gesellschaftliche Prozesse zugänglich machten, um Entscheidungsträgern auch langfristig zuverlässige Entscheidungsgrundlagen geben zu können.