Originalfilm Regelkreise

 

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Der Mensch und die Regelkreise der Natur ist ein Teil davon. Der folgende Inhalt ist aus dem Gespräch zwischen Robert Moser, Gründer von Wert-Impulse, Valentin Barac und dem Wiener Universitätsprofessor und Meeresbiologen Prof. Rupert Riedl entstanden. Prof. Riedl erläutert anschaulich die Zusammenhänge zwischen den Regelkreisen der Natur und den menschlichen Verhaltensweisen. Seine These ist es, dass überlebensnotwendige gesellschaftliche Impulse und Veränderungen nur zu verwirklichen sind, wenn sie nicht von oben verordnet, sondern von jedem einzelnen Menschen als Chance erkannt werden, positive Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Entfaltung zu bringen.

geboren  22.02.1925 in Wien

gestorben 18.09.2005 in Wien

Zoologe; bekannt geworden vor allem für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Meeresforschung und der Evolutionären Erkenntnistheorie

1945 Beginn des Studiums der Bildenden Künste, Anthropologie und Zoologie an der Universität Wien; 1956 Dozent für vergleichende Anatomie und Systematik; 1960 Habilitation und Professur am Zoologischen Institut der Universität Wien; Forschungstätigkeit an der University of North Carolina in den USA; 1971 Vorstand des Zoologischen Institutes Wien und des Institutes für Humanbiologie; Mitbegründer des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und Kognitions- forschung; Herausgeber der Zeitschrift Evolution and Cognition; 1999 Gründung des Club of Vienna, der sich mit interdisziplinären wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Fragen auseinandersetz

 

Strukturen der Komplexität. Eine Morphologie des Erkennens und Erklärens (Berlin / Heidelberg, 2000)

Das Weltbild ist nicht zu Letzt durch die analytischen Leistungen der Naturwissenschaft in immer mehr und kleinere Einzelteile zerlegt worden. Riedl untersucht interdisziplinär und ganzheitlich die Struktur- und Funktions- zusammenhänge, die wir als „komplex“ bezeichnen.

 

Riedls Kulturgeschichte der Evolutionstheorie (Berlin / Heidleberg 2003)

Die Theorie von der Evolution der Lebensformen hat das Verständnis über die Welt von Grund auf verändert.  Das Buch ist Ideengeschichte und Wissenschaftsgeschichte über die Evolutionstheorie zugleich, sind beide Bereiche doch untrennbar miteinander verbunden ist. Im Zentrum steht die Fragestellung, warum wissenschaftliche Durchbrüche wie die Evolutionstheorie stets zu einer bestimmten Zeit erfolgen.


Meine Sicht der Welt (Wien, 2004)

Dieses Buch fasst das Wissen Riedls zusammen. Mit der Formel: „Gott würfelt, aber er befolgt dabei Gesetze“ legt er dar, wie inmitten der rasend schnell auseinander driftenden Experteninformationen, der roten Faden der Erkenntnis und ein Zusammenhalt des Wissens zu finden ist.


Neugierde und Staunen (Wien, 2004)

In dieser Autobiographie blickt Riedl auf die letzten drei Viertel des 20. Jahrhunderts zurück. Riedl verbindet in diesem Buch naturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse auf anschauliche und unterhaltsame Weise. Der Leser begleitet Riedl auf seinen geistigen und physischen Abenteuer, erfährt von seltenen Kreaturen und ihren Lebensräumen und auch so manchem Rätsel der Natur und des Geistes, das sich menschlicher Neugierde bis heute verschlossen hat.

Ordnungsmuster in der Natur und Denkmuster im Menschen

Die gleichen Strukturen in der Natur und im Menschen weisen darauf hin.
Ein gesellschaftlicher Fortschritt kann dem zu Folge nur im Hinblick auf 
gesamtheitliche  Zusammenhänge erreicht werden.

Rang und Risiko

Das Prinzip der Hierarchie in unserer Gesellschaft ist notwendig und
nützlich. Doch gilt es, die Korrelation von Rang und Risiko in der
Hierarchie wieder in eine Balance zu bringen und sie sinnvoll auf unser
soziales Zusammenleben anzupassen.


Bildung und Wissen

Um eine Veränderung in der Gesellschaft herbeizuführen, muss auch
unser Bildungssystem neu überdacht werden. Wir benötigen nicht
zusätzliche Vorschriften, sondern mehr Individualität in den
Institutionen.


Arbeit als institutioneller Wert

Der Begriff Arbeit steht nicht allein im Zusammenhang mit finanzieller Entlohnung,
sondern impliziert darüber hinaus auch individuelle Werte.


Die Arbeitswelt als Teil unserer Gesellschaft

Kleine und übersichtliche Strukturen sind in unserer hierarchisch gegliederten Arbeitswelt von besonderer Bedeutung. Sie garantieren wertorientierte Verantwortung und Entscheidungskompetenz.

 

Wertorientierte Entwicklungen

Prof. Dr. Rupert Riedl

Der Mensch und die Regelkreise der Natur

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Der Mensch und die Regelkreise der Natur ist ein Teil davon. Der folgende Inhalt ist aus dem Gespräch zwischen Robert Moser, Gründer von Wert-Impulse, Valentin Barac und dem Wiener Universitätsprofessor und Meeresbiologen Prof. Rupert Riedl entstanden. Prof. Riedl erläutert anschaulich die Zusammenhänge zwischen den Regelkreisen der Natur und den menschlichen Verhaltensweisen. Seine These ist es, dass überlebensnotwendige gesellschaftliche Impulse und Veränderungen nur zu verwirklichen sind, wenn sie nicht von oben verordnet, sondern von jedem einzelnen Menschen als Chance erkannt werden, positive Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Entfaltung zu bringen.

Ordnungsmuster in der Natur und Denkmuster im Menschen

Die gleichen Strukturen in der Natur und im Menschen weisen darauf hin, dass unser soziales Zusammenleben als Teil der Evolution verstanden werden muss. Ein gesellschaftlicher Fortschritt kann dem zu Folge nur im Hinblick auf gesamtheitliche Zusammenhänge erreicht werden.

Um sich dem Thema zu nähern, ist die Theoretische Biologie1, die häufig mit einer praktischen Biologie verwechselt wird, der Ausgangspunkt für unsere weiteren Überlegungen. Einfach formuliert ist die theoretische Biologie der Versuch, die Dinge, die man untersucht, jeweils in einem größeren Rahmen zu sehen. Ihren Anfang nahm sie in Wien mit Konrad Lorenz2 und Erhard Oeser3.

Für unseren vorliegenden Zusammenhang ist vor allem die Herkunft von Strukturen von Bedeutung. Wieso haben wir beispielsweise fünf Finger und nicht sieben an einer Hand? Man kann nicht von einer gegebenen Funktion eine bestimmte Struktur verstehen, sondern man muss zusätzlich die Geschichte der Struktur – dies ist Teil der Evolutionsforschung – in Betracht ziehen.

Die Ordnungsmuster in der Natur und die Denkmuster des Menschen sind ebeso komplex wie spiegelbildlich. Der Naturwissenschaftler sieht im Älteren die Ursache des Neueren: das Ordnungsmuster der Natur ist also die Ursache für die Denkmuster. Biologisch gesprochen handelt es sich hier um ein Produkt der Adaptierung, der Anpassung. In den Hirnen sind sozusagen jene Verrechnungsmuster übriggeblieben, die wir als angeborene Anschauungs- und Verhaltensweisen kennen.

Seit mehreren Forschergenerationen taucht die Evolutionäre Erkenntnistheorie immer wieder auf. Sie wurde viermal unabhängig voneinander aus völlig verschiedenen Gebieten entwickelt, so dass ihre Richtigkeit nicht zu bezweifeln ist. Freilich stehen noch immer Fragen, wie das im Einzelnen abläuft, aus.

Wenn es stimmt, was für die Evolution des Organischen bisher entwickelt worden ist, dann müssten sich die strukturellen Ordnungsmuster von der kosmischen Evolution, der chemischen und biologischen Evolution und der Evolution der Sozialstrukturen bis hin zu unseren Kulturen fortgesetzt haben. Es steht also ein bestimmtes Prinzip dahinter.

Gehen wir nun auf die Zustände unserer heutigen Gesellschaft ein. Mit dem Wissen, dass die Ordnungsmuster in der Natur und im Menschen strukturell gesehen identisch sind, lautet die These: Durch Reglementierungen und Vorschriften, die von einem Staat ausgehen, ist für die Welt keine Verbesserung zu erwarten. Denn mit der im Menschen innewohnenden strukturellen Grundausstattung trägt er schon die Antworten für die Fragen, wie wir unser gesellschaftliches Zusammenleben gestalten sollen, in sich.

Ein Beispiel veranschaulicht dies: Jeder gesunde Mensch, jede Familie trachtet den Kindern materielle Werte und insbesondere Bildung weiter zu geben. Und manches miserable und unglückliche Leben begründet oder rechtfertigt seine Existenz mit dem Wunsch, dass es den Kindern einmal besser gehe, d.h. wir Menschen sehen uns durchaus als ein Glied in einer Generationskette. Erben bedeuted Funktionen weiterzugeben. Der Staat dagegen kann das noch nicht und der Fortschritt ist darin zu sehen, dass der Staat eben Vergleichbares erlernt. In allen westlichen Demokratien werden alle jene Parteien wieder gewählt, die eine Kurzzeitmoral gut entwickelt haben. Die Tendenz geht also dahin, dem Menschen sofort zu helfen, wenn er krank ist, keine Arbeit hat und kein Obdach besitzt. Das Langzeitethos aber fehlt. Dieses Langzeitethos, das in uns Menschen innewohnt, ist erforderlich, um die nächste Generation, um unsere Umwelt etc. zu schützen.

Die Menschheit zu schützen muss gelernt werden. Dem aber steht nicht nur unsere Honorierung für Kurzzeitmoral entgegen, sondern auch die Struktur der Legislaturperioden. Darüber hinaus sind wir in wirtschaftlicher Hinsicht darauf trainiert, unsere Prosperität nach dem so genannten Bruttonationalprodukt zu messen. Wir bemerken nicht, dass wir mit der Steigerung des Bruttonationalproduktes unser Bruttonationalvermögen verringern und unsere Umwelt fortgesetzt zerstören. Und noch niemand kann das Bruttonationalvemögen wirklich berechnen: Wie viel ist beispielsweise ein Hektar Wald wert? Damit ist freilich nicht nur das daraus zu gewinnende Holz gemeint, sondern auch, was der Wald dazu an Verbesserung der Luft und der Erhaltung des Wassers mit sich bringt.

Es wird keine Oase geben, die imstande wäre, gesondert von der übrigen Welt zu überleben. Bald werden die sterbenden Flüsse und Meere, die Böden und Wälder, die immer kleiner werdenden regenerationsfähigen Orte uns ein ökologisches Desaster bereiten, dass der Mensch auf der rücksichtslosen Suche nach Zuwachsraten und Kurzzeitprofiten in die Wege leitete. Der Wert des jeweiligen Bruttonationalvermögens – oder sagen wir Gesamtlebensvermögens – ist dermaßen ins Schwanken geraten, dass ein Beharren am bisherigen Denken und Handeln nur mehr von den folgenden Generationen bezahlt werden könnte; nämlich mit deren Leben.

Rang und Risiko

Das Prinzip der Hierarchie in unserer Gesellschaft ist notwendig und nützlich. Doch gilt es, die Korrelation von Rang und Risiko in der Hierarchie wieder in eine Balance zu bringen und sie sinnvoll auf unser soziales Zusammenleben anzupassen.

Es stellt sich nun die Frage, warum es die Menschen so weit haben kommen lassen. Offensichtlich ist diese Zivilisation unseren angeborenen Anschauungsweisen davon gelaufen. Wir sind an die Zivilisation nicht mehr adaptiert. Dabei ist zu unterscheiden: die soziale Adaptierung gegenüber unserer Erkenntnismöglichkeit. Hinsichtlich der sozialen Adaptierung und unserer sozialen Einstellung ist es erforderlich eine Sozietät, eine Sozialstruktur zu entwickeln, an die wir auch tatsächlich adaptiert sind. Wir müssen auf unsere Ahnen – die Affen – zurückgreifen. In dieser Zeit hatte die Delegation von Rang eine lebenserhaltende Funktion für die Population. Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen: Die in der Rangordnung am höchsten stehenden männlichen Affen mussten bei einem Raubtierangriff die weiblichen Affen und den Nachwuchs vor Gefahr schützen. Das war riskant und lebensgefährlich. Mit diesem hohen Rang verfügten jene Affen über etliche Privilegien in der Gruppe. Sie durften als erste ans Futter, die anderen Affen beißen und mehrere weibliche Affen besitzen usw. Doch wenn bei einem Angriff auf die Gruppe nicht gekämpft wurde, verlor man alle Privilegien. Die Organisation dieses Zusammenlebens in der Gruppe funktionierte deshalb, weil die Situation sich vor aller Augen abspielte. Der hohe Rang, die Autorität, die delegiert wurde und das daraus abgeleitete Verhalten spielte sich vor aller Augen ab und konnte bei Versagen sofort widerrufen werden. Diese Korrelation zwischen Rang und Risiko lässt sich auch beim Menschen bis zum Mittelalter unserer Geschichte zurück verfolgen.

Unsere derzeitige Zivilisation ist dagegen komplex und unübersichtlich geworden, so dass ein solcher Vorgang des direkten Verlustes des Rangs nicht mehr möglich ist. Die Korrelation zwischen Rang und Risiko hat sich aufgelöst. Darüber hinaus sind jene Menschen mit einem hohen Rang sehr bald auf die Idee gekommen, ihre priviligierte Stellung zur Reduzierung ihres eigenen Risikos zu verwenden. Dennoch ist es ein grober Fehler zu glauben, dass es Hierarchie in der menschlichen Gesellschaft nur deshalb gäbe, um rücksichtslos über andere zu verfügen. Ränge zu zulassen und das bedeutet eben auch Verantwortung zu delegieren, ist grundsätzlich eine positive Ausstattung des Menschen. Diese hierarchische Strukturierung ist für uns notwendig. Jeder Mensch wird dies auf seine eigene Art und Weise empfinden und dem entsprechend handeln, indem er Verantwortung an andere abgibt. Wenn jedoch zuviel Verantwortung von zu vielen Menschen abgegeben wird – sei es aufgrund von Fahrlässigkeit, Bequemlichkeit, Unmündigkeit – dann ist die Konsequenz, militärisch formuliert, der Befehlsnotstand. Einige wenige Menschen werden in dieser Situation des Befehlsnotstands die gesamte Verantwortung für alle übernehmen. Wie jedoch die Geschichte allzuhäufig gezeigt hat, mündet dies im negativsten Fall in der Legitimation zur Tötung anderer. Die nützliche Ausstattung des Menschen, sich hierarchisch zu organisieren, wird durch die Komplexität unserer Gesellschaft zu ihrem Negativgehalt pervertiert.

Bildung und Wissen

Um eine Veränderung in der Gesellschaft herbeizuführen, muss auch unser Bildungssystem neu überdacht werden. Wir benötigen nicht zusätzliche Vorschriften, sondern mehr Individualität in den Institutionen.

Noch immer sind die meisten hohen Schulen nach der Konzeption des Neopositivismus4 des Wiener Kreises gestaltet. Diese Konzeption von Bildung wurde sozusagen bis an die Westküste der USA und weiter nach Osten bis nach Japan exportiert. Ob es sich um Physik, Biologie oder Soziologie handelt, jegliche Fächer werden isoliert betrachtet und als einzelne Bestandteile von Wissen und Bildung weitervermittelt. Der Physiker will nichts mit chemischen Bindungen zu tun haben. Es interessiert ihn nicht warum Schwefel stinktund bleibt bei den Schrödinger-Gleichungen. Der Chemiker wiederum kümmert sich nicht um die Atmung und beschäftigt sich lieber mit der zweiwertigen Bindung. Der Biologe sieht sich für die Angelegenheiten der Soziologie nicht zuständig. Doch überall dort, wo wir uns nicht auskennen und nicht weiterforschen – in den Phasenübergängen der einzelnen Teile – sind die ganz wesentlichen Antworten zu finden. Unsere Universitäten müssen wieder ihrem Namen Universitas gerecht werden und neben der Tiefe der Spezialisierung auch die Ganzheitlichkeit, die Zusammenhänge und die Gemeinsamkeiten der Wissenschaften suchen und erforschen.

Wir müssen uns schließlich fragen, wem und wozu Bildung eigentlich dient. Ein Lehrer oder ein Dozent beispielsweise vermitteln den Lernenden das ihnen vorgegebene Wissen. Er hilft ihnen – vereinfacht formuliert – mehr über ein bestimmtes Thema zu wissen als andere. Nach Beendigung der Studien werden die Ausgebildeten das von ihrem Lehrer vermittelte Wissen letztendlich gegeneinander verwenden, um sich mit ihrer Meinung und Überzeugung durchzusetzen. Ist das wirklich das, was wir unter Bildung verstehen? Ist Bildung auch nicht etwas, was zur Herzensbildung gereichen müsste? Und ist Bildung nicht etwas, was sie dazu verpflichtet, dass der Gebildetere seine Aufgabe darin sieht, den weniger Gebildeten in seinen Lebensschwierigkeiten zu helfen? Es war Bertold Brecht, der in dem

Theaterstück Das Leben des Galilei, Galilei die Worte in den Mund legt: Die einzige Aufgabe der Wissenschaft muss sein, die Mühseligkeiten der menschlichen

Existenz zu lindern. Aber unserer Auffassung nach sollte auch die Suche nach der Wahrheit eine weitere Aufgabe der Wissenschaft sein.

Auch Vorschriften der Bildungsinstitutionen, nach denen sich die Lehrenden zu richten haben, können nicht zu einer Veränderung beitragen. Die eigene tiefe Bildung des einzelnen Individuums ist das wirklich ausschlaggebende Kriterium. Das Entscheidende liegt in der Individualität.

In den von Wert-Impulse vorgestellten wertorientierten Entwicklungen nehmen die Gedanken und Erkenntnisse von Prof. Riedl eine zentrale Stellung ein. Die Bereiche Familie, Ökologie, Wirtschaft oder Bildungswesen stehen in einem gesamtheitlichen Zusammenhang, dessen Steuerung über unsere Zukunft entscheidet. Durch die überlebensnotwendige Umkehr zum menschengerechten Denken und Handeln können die allerorts heraufziehenden kleinen und großen Katastrophen gemildert werden.

Arbeit als individueller Wert

Der Begriff Arbeit steht nicht allein im Zusammenhang mit finanzieller Entlohnung, sondern impliziert darüber hinaus auch individuelle Werte.

Prof. Riedl erzählt die folgende Geschichte:

Eines Tages stand mein Laborant wieder einmal in der Tür. Nachdem ich schon zehn Mal unterbrochen wurde, habe ich schon gar nicht mehr vom Mikroskop aufgeschaut. Schließlich fragte ich Herrn Schuster, was er denn noch möchte. Herr Schuster sagte, dass er den Montag frei haben wolle. Ich sagte ihm, das sei kein Problem. Er solle das im Sekretariat einschreiben lassen. Ich hörte aber, dass er noch immer in der Tür stand und frage ihn erneut, was es noch gebe. Herr Schuster antwortete: Herr Professor, ich möchte jeden Montag frei haben. Da war natürlich meine Aufmerksamkeit geweckt und ich fragte: Warum denn das?. Ja, sagte er, Herr Professor, sie werden das verstehen. Von Freitag abend bis Montag in der Früh schufte ich mich ab in meinem Schrebergarten. Ich möchte wissen, wann ich mich erholen soll.’“

Warum tut dieser Mann das? Während der ganzen Woche ist er damit beschäftigt große Labors zu reinigen und wieder in Ordnung zu bringen. Anstatt sich am Wochenende zu erholen, arbeitet er am Wochende schwer in seinem Schrebergarten. Es handelt sich hier um das Recht auf Arbeit. Damit ist nicht der Zusammenhang von Arbeit und Lohn in Form von Geld gemeint. Vielmehr geht es darum – und das verdeutlicht diese Geschichte – längerfristige Werte zu schaffen. Solche individuellen Werte für sich selbst zu schaffen ist das, wonach die Menschen wieder streben müssen.

Die Arbeitswelt als Teil unserer Gesellschaft

Kleine und übersichtliche Strukturen sind in unserer hierarchisch gegliederten Arbeitswelt von besonderer Bedeutung. Sie garantieren wertorientierte Verantwortung und Entscheidungskompetenz.

In unserer Gesellschaft ist die Arbeitswelt von entscheidender Bedeutung. Auch hier gilt es Veränderungen herbeizuführen. Oft ist zu bemerken, dass in Betrieben zwei unterschiedliche Positionen aufeinander treffen. Die eine Position ist die des Arbeitnehmers, der in möglichst kurzer Zeit viel Geld verdienen möchte. Die andere ist die des Arbeitgebers, der möglichst wenig Geld ausgeben möchte und dafür eine möglichst große Leistung vom Arbeitnehmer erwartet. Durch diese unterschiedlichen Positionen gehen aber viel Energie und Kraft verloren, um diese individuellen Ziel zu erreichen. Darüber hinaus ist es meistens der Fall, dass diese beiden Pole auch gar kein gemeinsames Ziel haben. Um dafür neue Lösungsansätze zu finden, ist auch hier der Zusammenhang mit Vorgängen in der Evolution aufschlussreich.

Alle Formen der Evolution haben Erfolg gehabt, indem die internen Beschädigungskämpfe ritualisiert worden sind. So haben auch auch alle waffentragenden sozialen Wirbeltiere ihre Auseinandersetzungen ritualisiert. Wenn nun der Beschädigungskampf in der Gruppe bleibt, ist es für die jeweilige Art sehr gefährlich. Wie verhält sich das nun in unserer Welt der Wirtschaft und Industrie? Die Aufgabe einer Industrie besteht darin, einen Markt zu befriedigen, zu sättigen und auch zu erorbern. Einen Markt erobern heißt aber auch eine andere Industrie zu vertreiben – sie umzubringen. Es ist also der Beschädigungskampf auf einer kapitalistischen Ebene erhalten. Wie könnte man sich da helfen? Offenbar scheint es nur zwei fundamentale Theorien zu geben. Die eine Theorie, die meint, man könne die Gesellschaft auf Kosten der Individuen fördern, ist der Marxismus. Die andere Theorie ist der Kapitalismus, die genau entgegengesetzt die Individuen auf Kosten der Gesellschaft fördert. Das Buch von Schumacher Small is beautiful gibt einige Antworten auf dieses Problem. Es trägt den Untertitel The Theory of economics as if people mattered.5 Das weist daraufhin, dass es heutzutage mehr denn je auf die Menschen ankommt. Und es kommt eben auf den Menschen an und auf niemand anderen. Eine Theorie, die Lösungen für unsere Arbeitswelt entwirft, soll für die Menschen gedacht sein. Und Small is beautiful deshalb, weil wir uns am meisten vor den großen Institutionen fürchten müssen. Je größer die Institution, desto eher können sie dem Irrtum unterliegen unmenschlich zu werden. In der kleinen Struktur, also in kleinen Betrieben, ist das nicht der Fall. Unvermeidliche Entlassungen beispielsweise werden in kleinen Betrieben generell menschlicher gehandhabt als in Großkonzernen. Der kleine Handwerker, der fünf oder sechs Angestelle hat, leidet endlos, wenn er einen Mitarbeiter entlassen muss. Man kennt und hilft sich gegenseitig. So etwas kann es heutzutage in einem großen Konzern nicht geben. Große Betriebe sollten folglich versuchen Verantwortung und Entscheidungskompetenzen in Kleingruppenstrukturen zu delegieren. Freilich ist es in unserer komplexen Arbeitswelt nicht möglich ohne große Strukturen zu existieren. Daher ist es wichtig, die in der großen Struktur vorhandene feine hierarchische Gliederung in beiden Richtungen durchlässig zu gestalten: der Informationsdurchlauf darf nicht nur von oben nach unten delegiert werden, sondern auch der in der Hierchachie weiter unten Stehende muss an der Durchgängigkeit nach oben teilhaben können.

Dahinter steht das Subsidaritätsprinzip, bei dem die kleinere Einheit diejenigen Aufgaben übernimmt, die sie selbst lösen kann. Dem entsprechend darf die Überstruktur der kleineren Einheiten diese Aufgaben nicht entziehen. So ist die Ansicht der Soziologen, wonach größere Systeme die kleineren fortgesetzt in sich einverleiben, zwar nicht falsch. Aber die Evolution zeigt, dass überall dort, wo dies geschehen ist, kranke Riesen übriggeblieben sind, die früher oder später zugrunde gegangen sind. Sicherlich gibt es in der Natur große und kleine Systeme. Aber alle Systeme funktionieren als Regelkreise. Jede Produktion geht wieder zurück auf ihr eigenes System: ein Wald kann nicht ohne alle seine Teile existieren, die ihn zu dem machen, was er ist.

In vielen Bereichen unserer Gesellschaft hingegen, vor allem in der Arbeitswelt, fehlen solche Regelkreise. Ein anschauliches Beispiel stellen die Banken dar, die mit Palästen aus Marmor und Glas ihre Macht demonstrieren. Man vergisst dabei allzuhäufig, dass sie im Grunde nur deshalb existieren, weil die Menschen ihr Geld dort anlegen. Die Verlässlichkeit der Bank führt sich nur auf der Verlässlichkeit, auf der Treue und dem Vertrauen dieser Menschen zurück. Dies sollten wir immer bedenken.

In der folgenden Anekdote von Prof. Riedl lassen sich die fehlenden Regelkreise in der Gesellschaft weiter verdeutlichen:

Während junge Frauen entsprechend des Klischees ihre Sicherheit in der Ehe suchen, so suchen die jungen Männer die Sicherheit im Parteibuch, in der väterlichen Brieftasche oder im Konto usw. Woher hat nun die Bank und die Partei ihre Sicherheit? Offenbar vom Staat, der ihnen diese Sicherheit garantiert. Woher hat der Staat seine Sicherheit? Unter Umständen von den Bünden, die er eingegangen ist. Woher haben die Bünde ihre Sicherheit? Wahrscheinlich durch die Machtblöcke, denen sie angehören. Woher haben schließlich die Machtblöcke ihre Sicherheit? Von den Atombomben, die sie gespeichert haben. Und die jung verheirateten Menschen sollten nun glauben zu Zeiten des Kalten Krieges, dass ihre Sicherheit von Moskau oder Washington garantiert ist?

Fazit

Eine Gemeinschaft besteht aus der Summe seiner Einzelpersonen und die
Individualität erhalten, heißt Triebfedern für Erneuerung zu schaffen.
Demokratie und Zukunftsgestaltung der Gesellschaft und Umwelt
brauchen die Kraft jedes Einzelnen und deren eigen gestaltenden Willen,
deren Summe gesehen positive gemeinschaftliche Aktivität nach sich zieht.

Biografie

geboren 22.02.1925 in Wien

gestorben 18.09.2005 in Wien

Zoologe; bekannt geworden vor allem für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Meeresforschung und der Evolutionären Erkenntnistheorie

1945 Beginn des Studiums der Bildenden Künste, Anthropologie und Zoologie an der Universität Wien; 1956 Dozent für vergleichende Anatomie und Systematik; 1960 Habilitation und Professur am Zoologischen Institut der Universität Wien; Forschungstätigkeit an der University of North Carolina in den USA; 1971 Vorstand des Zoologischen Institutes Wien und des Institutes für Humanbiologie; Mitbegründer des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und Kognitions- forschung; Herausgeber der Zeitschrift Evolution and Cognition; 1999 Gründung des Club of Vienna, der sich mit interdisziplinären wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Fragen auseinandersetzt

Auswahl seiner neueren Veröffentlichungen

Strukturen der Komplexität. Eine Morphologie des Erkennens und Erklärens (Berlin / Heidelberg, 2000)

Das Weltbild ist nicht zu Letzt durch die analytischen Leistungen der Naturwissenschaft in immer mehr und kleinere Einzelteile zerlegt worden. Riedl untersucht interdisziplinär und ganzheitlich die Struktur- und Funktions- zusammenhänge, die wir als komplex bezeichnen.

Riedls Kulturgeschichte der Evolutionstheorie
(Berlin / Heidleberg 2003)

Die Theorie von der Evolution der Lebensformen hat das Verständnis über die Welt von Grund auf verändert. Das Buch ist Ideengeschichte und Wissenschaftsgeschich-

te über die Evolutionstheorie zugleich, sind beide Bereiche doch untrennbar miteinander verdunden ist. Im Zentrum steht die Fragestellung, warum wissenschaftliche Durchbrüche wie die Evolutionstheorie stets zu einer bestimmten Zeit erfolgen.

Meine Sicht der Welt
(Wien, 2004)

Dieses Buch fasst das Wissen Riedls zusammen. Mit der Formel: Gott würfelt, aber er befolgt dabei Gesetze legt er dar, wie inmitten der rasend schnell auseinander driftenden Experteninformationen, der roten Faden der Erkenntnis und ein Zusammenhalt des Wissens zu finden ist.

Neugierde und Staunen
(Wien, 2004)

In dieser Autobiographie blickt Riedl auf die letzten drei Viertel des 20. Jahrhunderts zurück. Riedl verbindet in diesem Buch naturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse auf anschauliche und unterhaltsame Weise. Der Leser begleitet Riedl auf seinen geistigen und physischen Abenteuer, erfährt von seltenen Kreaturen und ihren Lebensräumen und auch so manchem Rätsel der Natur und des Geistes, das sich menschlicher Neugierde bis heute verschlossen hat.

1

 Die Theoretische Biologie sucht nach charakteristischen Ordnungsprinzipien in der Vielfalt der biologischen Phänomene, indem sie die organisatorische Dynamik lebender Systeme auf formale Art und Weise beschreibt.

2 Konrad Lorenz (1903-1989), österreichischer Biologe und Begründer der Vergleichenden Verhaltensforschung.

3 Erhard Oeser (geb. 1938), österreichischer Wissenschaftshistoriker und –theoretiker.

4 Der Neopositivismus ist eine philosophische Richtung, in der die Vereinigung von Empirismus und moderner Logik unter Ausschluss der Metaphysik zu einer Einheitswissenschaft angestrebt wird. Ausgangspunkt des Neopositivsmus war der „Wiener Kreis“, eine Diskussionsrunde von Moritz Schlick und Ernst Mach im Jahr 1924.

5 E. F. Schumacher (1911-1977) , gebürtiger Deutscher, war ein vielseitiger Ökonom und Kritiker des westlichen Wirtschaftssystem. Sein Buch Small is beautiful: Economics as if people mattered erschien erstmals 1973. Deutsche Ausgabe: Small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß.

 

Buch von Prof. Dr. Riedl

Meine Sicht der Welt:

ist auch auf einer Skihütte interessant zu lesen: