Originalfilm

Im Gespräch: Prof. Dipl. Ing. Adi Kastner

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereichen einer menschengerechten Lebensgestaltung. Regionalentwicklung ist ein Teil davon. Der folgende Inhalt ist in dem Gespräch zwischen Robert Moser, Gründer von Wert-Impulse und Prof. Adi Kastner, dem damaligen Direktor der landwirtschaftlichen Fach- und Berufsschule Edelhof in Zwettl, entstanden. Darüber hinaus war Prof. Kastner Beauftragter des Landeshauptmanns von Niederösterreich für das Waldviertel. Seine Tätigkeit bestand darin, Initiativen für die ehemals wirtschaftlich benachteiligte Region zu ergreifen. Im Folgenden wird dargestellt wie die Initiativen Prof. Kastners Wirkungen gezeigt haben.

Kurzbiographie von Prof. Dr. Adi Kastner

Geb. 1939 in Wien, Studium der Forst- und Holzwirtschaft an der Universität Wien für Bodenkultur; Forstreferent der Diözese St. Pölten; Mitarbeiter der Landwirtschaftskammer; Lehrer an der Fachschule Hohenlehen; ab 1978 Direktor der landwirtschaftlichen Berufs- und Fachschule Edelhof; 1982 Landesbeauftragter für das Waldviertel; seit 2004 Ehrenobmann des Waldviertel Managements.

Kurzinhalt

* Stärken der ländlichen Regionen erkennen – Initiativen in der Landwirtschaft
Schwierige Ausgangsbedingungen bewältigen und Eigeninitiative fördern sind die
ausschlaggebenden Kriterien für einen wirtschaftlichen Aufschwung.

* Resignation überwinden lernen
Resignation überwinden lernen: Sich der eigenen spezifischen Fähigkeiten bewusst
werden und gemeinsam Initiativen für die Zukunft entwickeln.

* Mehr Wertschöpfung durch Qualitätsprodukte und Direktvermarktung
Nicht die Größe eines Betriebs entscheidet über einen nachhaltigen wirtschaftlichen
Erfolg, sondern die Qualität des Produktes, das der Landwirt bis zum Endprodukt
selbst veredelt.
Ein wertorientierter Änderungsprozess berücksichtigt gleichermaßen innovative
Kräfte als auch die Rückbesinnung an Tradition.
Neuerungen durchzusetzen heißt auch konstruktiv mit Konflikten umgehen. Denn
nur eine Synthese der einzelnen Interessen ermöglicht gemeinsamen Erfolg.

* Impulsgeber einer wertorientierten Regionalentwicklung
Berufsschule Edelhof als Innovationsmotor – Dorferneuerung als Vermittlerin von
Kultur. In der Bündelung beider Aspekte entstehen Gemeinschaftssinn und
Eigendynamik.

* Langfristige Veränderung
Langfristige Veränderung benötigt Motivation, Kreativität und Innovation der
Menschen. Die Aufgabe des Betreuers als Impulsgeber liegt darin, diese Fähigkeiten
zu erkennen und sie zu stärken.

* Kooperation in der Regionalentwicklung
Gemeinsame Projekte von Landwirtschaft und des Energiesektors: Kleine Strukturen
bündeln und erhalten, um flexibel handeln zu können.

 

Regionalentwicklung
Regionalentwicklung
Regionalentwicklung

 

Inhalt

 

Wertorientierte Entwicklungen

Prof. Adi Kastner

Regionalentwicklung

 

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereichen einer menschengerechten Lebensgestaltung. Regionalentwicklung ist ein Teil davon. Der folgende Inhalt ist aus dem Gespräch zwischen Robert Moser, Gründer von Wert-Impulse und Prof. Adi Kastner, dem damaligen Direktor der landwirtschaftlichen Fach- und Berufsschule Edelhof in Zwettl, entstanden. Darüber hinaus war Prof. Kastner Beauftragter des Landeshauptmanns von Niederösterreich für das Waldviertel. Seine Tätigkeit bestand darin, Initiativen für die ehemals wirtschaftlich benachteiligten Region zu ergreifen. Im Folgenden wird dargestellt wie die Initiativen Prof. Kastners Wirkung gezeigt haben.

 

Die Stärken der ländlichen Region erkennen –

 

Initiativen in der Landwirtschaft

 

Schwierige Ausgangsbedingungen bewältigen und Eigeninitiative fördern sind die ausschlaggebenden Kriterien für einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Die Aufgabenstellungen als Beauftragter der Landesregierung für das Waldviertel waren sehr vielfältig. Prof. Kastners Zuständigkeitsbereiche erstreckten sich von der Belebung der Wirtschaft, des Tourismus, der Image- und der Kontaktpflege mit den entsprechenden Basisgruppen – und einer konsequenten Überzeugungsarbeit, die es schließlich ermöglichte, gemeinsam eine erfolgreiche Zukunft zu gestalten. Die Zusammenarbeit in Betrieben, das Rückbesinnen auf bodenständige Qualitätsprodukte, die notwendige Eigeninitiative und das Entstehen eines neuen Selbstbewusstseins der Betroffenen waren die entscheidenden Aspekte für eine beginnende Wirtschaftsentwicklung.

Die Ausgangsbedingungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung waren problematisch. Die Nachteile der strukturellen Rahmenbedingungen als auch die ökologischen Gegebenheiten der Region lagen auf der Hand. In der Zeit des Kalten Krieges befand sich im Norden der ‚Eiserne Vorhang’ und in der Mitte der größte Truppenübungsplatz Europas. Die Landwirte hatten das geringste Einkommen in Mitteleuropa. Hinzu kamen Strukturänderungen durch die einsetzende Globalisierung, die für viele landwirtschaftliche Betriebe und Gewerbebetriebe den wirtschaftlichen Niedergang bedeutete mit der Absiedelung vieler Menschen als Folge.

Resignation überwinden lernen: Sich der eigenen spezifischen Fähigkeiten bewusst werden und gemeinsam Initiativen für die Zukunft entwickeln.

Die Resignation der Menschen überwinden helfen – das stand am Beginn der neuen Entwicklung im Mittelpunkt. Prof. Kastner hat den Menschen wieder Mut und Hoffnung gegeben, indem er sie auf ihre spezifischen und eigenständigen Fähigkeiten und die ihrer heimatlichen Region aufmerksam gemacht hat. Es galt, eine Stimmung des Aufbruchs und des Aufschwungs in Gang zu setzen, damit die Menschen wieder gemeinsam Aktivitäten und Initiativen für die Zukunft entwickelten. Es war notwendig, Landwirtschaft und Tourismus zu beleben und neue Impulse zu setzen. Der landwirtschaftliche Sektor war und ist im Waldviertel von besonderer Bedeutung. Entscheidendes Kriterium war dabei die Intensivierung von Marktnischen durch Qualitätsprodukte – und das vor allem im Hinblick auf den damaligen Eintritt Österreichs in die Europäische Union.

 

 

 

Mehrwertschöpfung durch Qualitätsprodukte und Direktvermarktung

 

Nicht die Größe eines Betriebs entscheidet über einen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg, sondern die Qualität des Produktes, das der Landwirt bis zum Endprodukt selbst veredelt.

Prof. Kastner erläutert diesen Sachverhalt:

„Insgesamt betrachtet sind es in der Europäischen Union – ohne dabei die neuen Beitrittsländern mitzurechnen – 4 % der Bevölkerung, die ihren Lebensunterhalt als Landwirt bestreiten. Im Waldviertel dagegen sind es 24 %. Nach Schätzungen stirbt ungefähr alle 5 Minuten ein bäuerlicher Betrieb in der EU. Wenn wir hier in unserer Region auf EU-Niveau die Zahl der Betriebe reduzieren würden, dann bliebe von 6 Bauern einer übrig. Damit wird deutlich, wie dringend eine Neuerung von Nöten war und noch immer ist. Ich möchte diesen Sachverhalt an einem Beispiel aufzeigen: Ein Landwirt aus Holland kauft 94 % der Vorleistung für seinen Betrieb von außen ein. Er erbringt also nur 6 % der Vorleistung aus seinem eigenen Betrieb. Langfristig gesehen kann dies nicht im wirtschaftlichen Interesse eines Bauern sein. Auch verliert er einen Teil seiner bäuerlichen Identität, denn der Bauer wird zunehmend zu einem Zulieferer degradiert. Wir im Waldviertel haben dagegen ein System, bei dem wir bemüht sind, möglichst 100 % der Vorleistungen selbst im Betrieb zu erzielen. Mit einer möglichst hohen selbst erbrachten Vorleistung ist so auch eine möglichst hohe Wertschöpfung erreichbar, die ausschlaggebend dafür ist, dass auch ein kleiner bäuerlicher Betrieb überleben kann. Ob in Österreich oder in der gesamten EU – die Überlebensfähigkeit hängt nicht von der Größe des Betriebs ab, sondern vom Management und Marketing, vom Engagement, von der Flexibilität und vor allem von der Qualität der Produkte. Wir wollen, dass die Bauern ihre eigenen Entscheidungsträger sind und möglichst viele dieser Bereiche und Tätigkeiten selbst in die Hand nehmen. Diese Forderung wird um so dringender, wenn man bedenkt, dass im Normalfall der Bauer noch nicht einmal 15 % am Endprodukt verdient. Mit den hier vorhandenen Anlagen und Techniken haben wir die Möglichkeit geschaffen, dass der Bauer seine Ware bis zum Endprodukt selbst veredeln kann. Auf diesem Weg ist gewährleistet, dass er vom Endprodukt ungefähr 50 % erhält.“

Es ist demzufolge keine Frage der Größe eines landwirtschaftlichen Betriebs, um überlebensfähig und schließlich auch erfolgreich zu sein, sondern eine Frage der Hochwertigkeit des veredelten Endproduktes, das der Landwirt von der Ernte bis zum fertigen Verkauf eigenhändig herstellt. Um diesen Weg zu verwirklichen, hat sich das Waldviertel einer einfachen Strategie verschrieben, die den gesamten Änderungsprozess zusammenfasst. Es gilt zum Einen bereits bestehende Strukturen zu nutzen, zum Anderen diese zu erweitern, auszubauen und zu verbessern und schließlich als letzten Schritt Neues hinzuzunehmen und zu implementieren.

Ein wertorientierter Änderungsprozess berücksichtigt gleichermaßen innovative Kräfte als auch die Rückbesinnung an Tradition.

So wurden beispielsweise Produkte wie Mohn und Flachs wieder angebaut. Diese Erzeugnisse wurden nach dem Krieg größtenteils wegrationalisiert, weil man der Ansicht war, damit auf dem zunehmend globalisierten Markt keine Chance zu haben. Durch die Wiedereinführung dieser Produkte konnten Landwirte auf Kenntnisse und Erfahrungen zurückgreifen, die langfristig wichtiger waren als kurzlebigen agrarökonomischen Trends zu folgen. Auch wurde mit den wieder erblühenden Mohnfeldern an eine Tradition angeknüpft, die die Motivation und das Selbstbewusstsein der Menschen in der Region stärkten. Der Entschluss, Altes und Bewährtes kombiniert mit neuen Ideen und Innovationen wieder einzuführen, stieß bei den Genossenschaften jedoch auf Ablehnung. Sie sahen die Schwerpunkte in anderen Getreidesorten. Prof. Kastner und seine Mitarbeiter organisierten sich selbst und gingen einen eigenständigen Weg: Der Bauer wird mit entsprechendem Know-how unterstützt, so dass er seine Produkte mit mehr Wertschöpfung auf den Markt bringen kann. Die Errichtung von Gebäuden, in denen entsprechende Anlagen für die Landwirte zur Verfügung stehen, war einer der notwendigen Schritte dazu.

Prof. Kastner hierzu:

„Wir haben hier eine zentrale Trocknung und Reinigung, die der Bauer jederzeit benutzen kann. Das ist sehr wichtig, denn die Trocknung muss sofort nach der Ernte erfolgen. Weiters haben wir die dazu notwendigen Kleincontainer bereitgestellt, in denen der Bauer seine Produkte mit nach Hause nehmen kann. Damit ist das Produkt lagerfähig und die Endfertigung ist somit ein bäuerlicher Nebenerwerb. Er ist nicht mehr gezwungen einem Nebenverdienst weit außerhalb seines Hofes nachzugehen. Mit diesen Neuerungen ist es dem Bauern möglich, von der Ernte bis his zum Endprodukt alle Fertigungsschritte selbst in die Hand zu nehmen. Ebenso sind für alle Produkte entsprechende Verpackungsmaterialien vorhanden, die mit dem gemeinsamen Markenzeichen Waldland versehen sind. Dadurch steigern wir auch den Bekanntheitsgrad unserer Produkte. Die Waldland-Herkunft bescheinigt dem Käufer, dass diese Produkte aus einem kontrollierten Betrieb stammen und eine gute Qualität haben. Dies bezieht sich nicht nur auf die pflanzlichen Alternativen, sondern auch auf die tierischen. Jede Gans, jede Pute, jedes Schaf hat dieses Waldlandzeichen am Bauch. Mit dieser gemeinsamen Infrastruktur zählen wir mittlerweile 700 Mitglieder bei den pflanzlichen Sonderkulturen, bei den tierischen rund 300 und bei den forstlichen Aktivitäten ebenfalls ca. 300.“

 

Neuerungen durchzusetzen heißt auch konstruktiv mit Konflikten umgehen. Denn nur eine Synthese der einzelnen Interessen ermöglicht gemeinsamen Erfolg.

 

Damit dieser neue Weg erfolgreich sein konnte, war es erforderlich, möglichst alle Landwirte in der Region zu überzeugen. Für eine flächendeckende funktionierende Landwirtschaft war es wichtig, eine präzise Verteilung des gesamten landwirtschaftlichen Gebietes unter dem Waldland-Zeichen vorzunehmen. Der Anfang war beschwerlich, denn Neuerungen und Änderungen stoßen wie so häufig zunächst auf Widerstand. Die ersten Landwirte, die unter dieser Marke neue Alternativen anbauten, wurden – so Prof. Kastner – mit einem psychologischen Wirtshausverbot belegt. Sie stießen bei vielen ihrer Kollegen auf Unverständnis und mussten mitunter mit Feindseligkeiten rechnen. Der wirtschaftliche Aufschwung, der sich jedoch nach ca. drei Jahren einstellte, überzeugte schließlich auch die kritischen Stimmen. Prof. Kastner veranschaulicht diesen Sachverhalt mit einer Fußballmannschaft. Die Mannschaft besteht aus elf Spielern. Wenn nun ein zwölfter Spieler hinzukommt, dann ist es verständlich, dass die Spannungen zunächst von den eigenen Reihen her ausgehen. Es dauert eben seine Zeit bis sich die neue Mannschaft – die neue Struktur – eingespielt hat, funktioniert und erfolgreich ist.

Die ersten Schritte, die erforderlich sind, um aus einer wirtschaftlichen Stagnation heraus zu kommen, laufen nicht systemkonform ab. Um zu einer Synthese der einzelnen Interesse zu gelangen, die einen Aufschwung erst ermöglicht, braucht es einer Überzeugungsarbeit, die viel Zeit, Geduld und Verständnis benötigt. Es bleibt dabei nicht aus, unangenehme Wahrheiten auszusprechen, mit denen man in der Anfangszeit Feinde statt Freunde gewinnt. Konflikte müssen ausgetragen werden. Je fruchtbarer ein Konflikt, umso besser für alle Beteiligten. Konflikten zu begegnen und ihnen nicht aus dem Weg zu gehen, ist wesentlicher Bestandteil eines Veränderungsprozesses, der einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung verspricht.

 

Impulsgeber einer wertorientierten Regionalentwicklung

 

Berufsschule Edelhof als Innovationsmotor – Dorferneuerung als Vermittlerin von Kultur. In der Bündelung beider Aspekte entstehen Gemeinschaftssinn und Eigendynamik.

Wichtige Impulse für den neuen Weg gingen von Gesprächen und Untersuchungen der landwirtschaftlichen Berufsschulen aus, die selber einigen einschneidenden Wandlungen ausgesetzt waren. Mit der tatkräftigen Unterstützung der Schulbehörde mit dem Landesschuldirektor Prof. Ofner an der Spitze, einem Weggefährten Prof. Kastners, war es möglich, Projekte wie die beschriebenen in die Tat umzusetzen. Zu betonen ist hierbei die Vorreiterrolle der Berufs- und Fachschule Edelhof. Diese Schule begann schon damals weit über ihren gewöhnlichen Aufgabenbereich hinauszugehen: sie bildet nicht nur aus, sondern nimmt – wie im vorliegenden Zusammenhang – eine beratende Funktion bei landwirtschaftlichen Projekten in ländlichen Gemeinden wahr.

Auftrieb einer dynamischen und wertorientierten Regionalentwicklung nach Prof. Kastner geht auch von der Dorferneuerung aus. Dorferneuerung ist nicht nur äußere Gestaltung, sondern auch sichtbare Vermittlerin von Kultur, Tradition und Grundwerten: Das neue Gesicht eines Dorfes außen beeinflusst auch das innere Gesicht. Sie stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Bürgern und fördert die Identifikation mit den eigenen Wurzeln und der Tradition. Nicht zu Letzt entstehen so auch neue Chancen für den Tourismus, die für die Regionen des Waldviertels von besonderer Bedeutung sind. Landwirte sind somit in der Lage einem Nebenerwerb nachzugehen, indem sie den mittlerweile selbstverständlichen ‚Urlaub auf dem Bauernhof’ anbieten. Auf diese Weise sind die Landwirte nicht mehr gezwungen weit außerhalb ihres eigenen Wirkungskreis einer zusätzlichen Beschäftigung nachzugehen. Die Region touristisch attraktiver zu gestalten, gehört zu den ebenso dringlichen Aufgaben, um ein möglichst breites Spektrum einer regionalen Wirtschaftsentwicklung zu gewährleisten.

Langfristige Veränderung benötigt Motivation, Kreativität und Innovation der Menschen. Die Aufgabe des Betreuers als Impulsgeber liegt darin, diese Fähigkeiten zu erkennen und sie darin zu stärken.

Seine Tätigkeit als Betreuer von Initiativen und Projekten vergleicht Prof. Kastner mit der einer Hebamme. Auch der Betreuer kann bei einer Geburt lediglich helfen, jedoch kann er nicht das Kind selbst zur Welt bringen. Die Betroffenen – hier in erster Linie die Landwirte – müssen den Willen zum Kind mitbringen. Dieses Beispiel veranschaulicht das entscheidende Kriterium für einen Wandel: Motivation und Eigendynamik für Neues entstehen nur aus eigenem Antrieb und nicht durch Reglementierungen von oben. Und um diese Motivation zu wecken, gilt es, die positiven Ansätze der Beteiligten zu erkennen. Der Betreuer muss die Fähigkeiten der Menschen erkennen, um daraus im Gespräch die richtigen Impulse zu setzen, die für den zukünftigen Weg notwendig sind. In diesem Veränderungsprozess lernen die Beteiligten Aufgaben wahrzunehmen und sich schließlich in einer Rolle wiederzufinden, die ihren Fähigkeiten entsprechen.

Prof. Kastner erzählt:

„Ich möchte in diesem Zusammenhang eine Geschichte erzählen, die diesen Aspekt veranschaulicht. Bei einer Geburtstagsfeier auf dem Edelhof habe ich mir überlegt, wie ich die Mitarbeiter überraschen könnte. Und zwar mit einer Überraschung, die ihnen deutlich machen würde, wo und welche Rolle sie bei ihrer täglichen Arbeit innehaben. Ich habe mir für alle Mitarbeiter der Schule und des Management des Waldlandverbands verschiedene Kostüme sowohl für Männer als auch für Frauen ausgeborgt. Jeder zog ein Los und hatte die dem Kostüm entsprechende Rolle spielen müssen. Erstaunlicherweise haben sich fast alle mit ihrer Rolle identifiziert und sie überzeugend dargestellt. Durch dieses Rollenspiel haben viele Mitarbeiter gelernt, aus sich herauszugehen, mit anderen offen zu reden und Eigendynamik zu entwickeln. Gingen beispielsweise Lehrer und Küchenfrauen früher eher zurückhaltend bis verkrampft miteinander um, so wurden mit dem Spiel die Hemmungen aufgelöst. Die gewünschte und die erforderliche Motivation, die wir hier brauchen, um unseren Weg weiter erfolgreich zu beschreiten, hatte sich somit eingestellt. Nur wenn wir gemeinsam offen miteinander reden und jeder seine ihm zugedachte Aufgabe wahrnimmt, können wir Probleme erkennen, sie als Chance erkennen und eine positive Zukunft für alle Beteiligten gestalten.“

 

Kooperationen in der Regionalentwicklung

 

 

Gemeinsame Projekte von Landwirtschaft und des Energiesektors: Kleine Strukturen bündeln und erhalten, um flexibel handeln zu können.

Neben der Direktvermarktung bäuerlicher Produkte ist der Ausbau der Alternativenergie als Ergebnis des Aufschwungs und der wachsenden Eigendynamik im Waldviertel hervorzuheben. In der Zusammenarbeit von Sägewerk und Landwirten werden Hackschnitzel nicht nur für den Einzelhaushalt zur Verfügung gestellt, sondern sie betreiben gemeinsam Fernwärmewerke. Zahlreiche Gemeinden wurden bislang mit dieser alternativen Energie zusätzlich versorgt. In diesem Sinne wird der Landwirt zu einem Unternehmer – er verkauft nicht nur Hackschnitzel, sondern auch Energie. Für den österreichischen Energiesektor ist diese Substitution von großem Interesse, bedenkt man, dass Österreich jedes Jahr sehr viel Energie importieren muss.

Am Beispiel der Sägewerke lässt sich exemplarisch aufzeigen, wie flexibel einerseits kleine Strukturen sind. Andererseits ist es jedoch manchmal notwendig, wie eine große Struktur zu reagieren. Große Aufträge können von einem einzelnen Sägewerk nicht erfüllt werden. Aus diesem Grund fasste Prof. Kastner ca. 50 Sägewerke in einem Verein zusammen. Das Management dieses Zusammenschlusses koordiniert und bündelt die kleinen Strukturen ohne sie zu zerstören. Ebenso ist es Ansprechpartner für Kunden und Auftraggeber, die über die vielen kleinen Sägewerke und deren Kapazitäten keinen ausreichenden Überblick besitzen können. Zu betonen ist auch, dass die Kosten für die Mitarbeiter des Managements fast ausschließlich durch die Provision bestritten werden. Dadurch, dass das Management und die Sägewerke als Verein organisiert sind, fallen lediglich 2 % Provision für die Vermittlung eines Auftrags an – so hat auch der Kunde nur wenig zusätzliche Kosten.

 

 

Biografie

 

Prof. Adi Kastner

 

Geb. 1939 in Wien, Studium der Forst- und Holzwirtschaft an der Universität Wien für Bodenkultur; Forstreferent der Diözese St. Pölten; Mitarbeiter der Landwirtschaftskammer; Lehrer an der Fachschule Hohenleben; ab 1978 Direktor der landwirtschaftlichen Berufs- und Fachschule Edelhof; 1982 Landesbeauftragter für das Waldviertel; seit 2004 Ehrenobmann des Waldviertel Managements.