Originalfilm

 

Im Gespräch: BGM, Ing. Karl Sieghartsleitner

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Steinbach an der Steyr – Ein partnerschaftliches Modell ist ein Teil davon.

Der Ort Steinbach an der Steyr mit seinen an die 2000 Einwohnern liegt in einem der besterhaltenen und auch geschützten Landschaftsgebieten Oberösterreichs. Von seinen nahen Hügeln geht der Blick über zwei Drittel des Bundeslandes bis über Österreich hin zu den Böhmischen Bergen. Es ist wohl auch diese geografische Gegebenheit, die dazu beitragen hatte, dass dieser Ort nicht leicht zugänglich und fernab von wirtschaftlichen großstädtischen Ballungszentren einen Niedergang erfahren musste mit der Absiedlung von Betrieben und Bürgern als Folge.

Die wertorientierte Gemeindeentwicklung stoppte diesen Verfall und brachte diesen langsam marodierenden Ort zu neuer Blüte. Die meisten Bürger, die Gemeinderatsfraktionen und der Bürgermeister hatten rechtzeitig erkannt, dass nur ein gemeinsames Wollen und Handeln eine Besserung herbeiführen konnte. In gemeinsamer Arbeit entwickelten sie das Gemeindeleitbild und setzen dies Schritt für Schritt in die Tat um. Wert-Impulse hat die Bewusstseins- und Strukturveränderungen eines nunmehr partnerschaftlichen Gemeindemodells begleitet und dokumentiert.

 

Kurzinhalt

* Der Aufbruch zur Erneuerung: Der Leitbildprozess
Partnerschaftliche Zusammenarbeit in der Gemeindepolitik ist die Voraussetzung für
eine Erneuerung. Es gilt, die Bürger in einem Leitbildprozess mit einzubinden und sie
für gemeinsame Ziele zu begeistern.

* Das Gemeindeleitbild: Grundlage für gemeinsame Werte und Ziele
Im Leitbild werden Entwicklungsprinzipien festgehalten, an denen alle
Planungen und Entscheidungen, die die Zukunft
der Gemeinde betreffen, ausgerichtet werden.
Das Leitbild stärkt und entwickelt eine wertorientierte Gemeinshaft:
Steigerung der Lebensqualität, Stärkung der lokalen Identität
und Bewahrung einer intakten Umwelt.
Das Leitbild bewirkt eine grundlegende Änderung des
Selbstverständnisses einer Gemeindepolitik. Raum für eine innovative
Politik wird geschaffen.
Demokratie wird erlebt und gelebt.

* Vom wirtschaftlichen Niedergang eines Dorfes zur Wiederbelebung
Bestehendes bewahren, neue Zukunftsperspektiven schaffen und
befähigte Menschen unterstützen sind die wegweisenden Eckpunkte für
eine nachhaltige Entwicklung.

* Erneuerung der Strukturen: Projekte in Gastronomie und Tourismus

Konstruktive Zusammenarbeit in der Gastronomie ist eine der
Voraussetzungen, um die Gemeinde zu einem Naherholungsgebiet
auszubauen.
Der ‚Urlaub auf dem Bauernhof‘ verbindet Tourismus und Ökologie mit
einem lebensgerechten Zuerwerb für den Bauern. Und der städtische
Urlauber erlebt das unmittelbare Leben mit der Natur.
 

* Bäuerlicher Kulturraum: Ökologie und Tradition
Natur zu verdanken. Dabei hat er eine ländliche Kultur geschaffen, die für die
Gemeinschaft und die gesamte Gesellschaft von Bedeutung ist.

* Dorferneuerung und wertorientierte Gemeindeentwicklung
Dorferneuerung bedeutet nicht nur äußere Gestaltung, sondern ist auch
sichtbare Vermittlerin von Kultur, Tradition und Grundwerten –
Dorferneuerung ist kulturelle Erneuerung Dorferneuerung und wertorientierte
Gemeindeentwicklung sind eine Chance, unsere Gemeinschaft und die
Gesellschaft wieder menschlicher und lebenswerter zu gestalten.

* Steinbach: Impulsgeber für eine wertorientierte Gemeindeentwicklung
Gemeinden können ihre Zukunft eigenverantwortlich gestalten. Langfristiges
Planen und tägliches Handeln sind Ausdruck dieses neuen Denkens.

Steinbach
Steinbach
Steinbach

 

Inhalt

 

 

Wertorientierte Entwicklungen

 

Steinbach an der Steyr

Ein partnerschaftliches Modell

 

 

 

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Steinbach an der Steyr – Ein partnerschaftliches Modell ist ein Teil davon.

Der Ort Steinbach an der Steyr mit seinen an die 2000 Einwohnern liegt in einem der besterhaltenen und auch geschützten Landschaftsgebieten Oberösterreichs. Von seinen nahen Hügeln geht der Blick über zwei Drittel des Bundeslandes bis über Österreich hin zu den Böhmischen Bergen. Es ist wohl auch diese geografische Gegebenheit, die dazu beitragen hatte, dass dieser Ort nicht leicht zugänglich und fernab von wirtschaftlichen großstädtischen Ballungszentren einen Niedergang erfahren musste mit der Absiedelung von Bürgern und Betrieben als Folge.

Die wertorientierte Gemeindeentwicklung stoppte diesen Verfall und brachte diesen langsam marodierenden Ort zu neuer Blüte. Die meisten Bürger, die Gemeinderatsfraktionen und der Bürgermeister hatten rechtzeitig erkannt, dass nur ein gemeinsames Wollen und Handeln eine Besserung herbeiführen konnte. In gemeinsamer Arbeit entwickelten sie das Gemeindeleitbild und setzen dies Schritt für Schritt in die Tat um. Wert-Impulse hat die Bewusstseins- und Strukturveränderungen eines nunmehr partnerschaftlichen Gemeindemodells begleitet und dokumentiert.

 

 

Der Aufbruch zur Erneuerung: Der Leitbildprozess

 

Partnerschaftliche Zusammenarbeit in der Gemeindepolitik ist die Vorraussetzung für eine Erneuerung. Es gilt, die Bürger in einen Leitbildprozess mit einzubinden und sie für gemeinsame Ziele zu begeistern.

Der Aufbruch zur Erneuerung der Strukturen und einer wertorientierten Gemeindeentwicklung in Steinbach begann 1987. Wesentliche Impulse gingen dabei von Prof. Dr. Hans Millendorfer aus, einem anerkannten Sozialwissenschaftler und der als Wegbereiter des ökokulturellen Wegs in Österreich gilt. In seinen Vorträgen hat er immer wieder auf die Bedeutung des bäuerlichen Kulturraums für die Entwicklung der gesamten Gesellschaft hingewiesen. Der ländliche Raum gehört nicht einer verflossenen Vergangenheit an, sondern weist den Weg in eine lebensgerechte Zukunft, die unsere Umwelt und Kultur erhält und erneuert.

Durch diese Ideen und Entwicklungspotenziale motiviert, erkannten der Bürgermeister und andere politische Entscheidungsträger von Steinbach die Krise als Chance. Ausgangspunkt für den Neubeginn war die Erneuerung der Beziehungskultur in der Gemeindepolitik. Die Übereinkunft eines partnerschaftlichen Zusammenarbeitens ermöglichte die gemeinsame Erstellung von Visionen und Zielen: umfassende Erneuerung des Gemeinwesens, Wiederbelebung der lokalen Wirtschaft und die langfristige Sicherung des natürlichen Erbes. Somit konnte die gemeinschaftliche Arbeit an der Erstellung eines Leitbilds begonnen werden.

Zunächst jedoch wurde das neue Klima des Miteinander zwischen den Fraktionen und den Bürgern geprobt. Dafür brauchte es Moderatoren und Referenten von außen, die an diesem Prozess mitwirkten. Hier hat insbesondere Ing. Robert Moser, Gründer von Wert-Impulse, in Seminaren mit den Beteiligten den gemeinsamen Weg erarbeitet. Entscheidend bei diesem Leitbildprozess war die Einbindung der Bürger, um sie für die Ziele zu begeistern. Grundsätzlich gilt für einen solchen Lernprozess: So viel eigene Leute wie möglich und so viele externe Experten wie nötig einsetzen.

Robert Moser und der Bürgermeister befragten die Bevölkerung nach ihren Erwartungen der Gemeinde gegenüber und auch nach ihren persönlichen Wünschen. Sie stellten fest, dass einerseits die Bürger der parteipolitischen ‚Grabenkämpfe‘ überdrüssig waren. Sie wünschten sich eine grundlegende Änderung der Gemeindepolitik. Zum anderen sehnten sie sich nach einer Steigerung der Lebensqualität und -kultur: besondere Berücksichtigung ihrer Umwelt, einen positiveren Umgang der Bürger untereinander und die Verbesserung der Arbeitsplatzsituation. Ein Gewerbetreibender schildert die Aufbruchsstimmung:

„Aufgrund der damals fehlenden Arbeitsplätze in Steinbach musste ein Großteil der Bevölkerung als Pendler nach Steyr und teilweise auch bis nach Linz fahren. In dieser Zeit war für uns das Leben schwer. Wochentags ist man ständig unterwegs gewesen und nur das Wochenende verbrachte man im Ort. Aber nicht nur der Arbeitsplatz war außerhalb der Gemeinde, sondern auch für einige Einkäufe und anderen Erledigungen musste man auf die Nachbarsgemeinden ausweichen. All das hat sich nun geändert. Es sind neue Geschäfte und Kaufmannsläden entstanden, die von den Bürgern auch unterstützt werden. Mit der Neubelebung der wirtschaftlichen Infrastruktur sind neue Arbeitsplätze entstanden, so dass Arbeits- und Lebensbereich wieder auf eine menschengerechte Art miteinander verknüpft sind. Die Aktivitäten erschöpfen sich allerdings nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Das gemeinschaftliche Zusammenleben in Steinbach hat sich von Grund auf gewandelt. So gesehen ist das die Voraussetzung für den Strukturwandel gewesen: Die Menschen reden wieder miteinander und es werden gemeinsam Feste gefeiert. Man kommt zusammen, man trifft sich auf der Straße, kennt jeden namentlich und weiß was er macht und wie er lebt. Der neue Geist der Partnerschaft und das überall sichtbare Bestreben der Wiederbelebung in den Bereichen Dorferneuerung, Landwirtschaft und Gewerbe wird den jungen Menschen Mut machen, mehr Initiative zu ergreifen. Diese Aspekte haben dazu beigetragen, dass wir in einer Gemeinde leben, in der sich alle wohlfühlen.“

 

Das Gemeindeleitbild:

Grundlage für gemeinsame Werte und Ziele

Im Leitbild werden Entwicklungsprinzipien festgehalten, an denen alle Planungen und Entscheidungen, die die Zukunft der Gemeinde betreffen, ausgerichtet werden.

Für den weiteren Weg war es notwendig, dieser neuen Entwicklungsrichtung eine Orientierung voraus zu setzen. Eine Leitbilderstellung machte es möglich, gemeinsame Werte und Ziele zu vereinbaren, um der künftigen Entwicklung in der Gemeinde eine Grundlage zu schaffen. Der Bürgermeister fasst die Entstehung des Leitbilds zusammen:

„Das Gemeindeleitbild wurde in einer gemeinsamen Klausurtagung, an der alle Fraktionen des Gemeinderats teilgenommen haben, entwickelt. Ausgehend von der IST-Situation der Gemeinde wurden Stärken und Schwächen analysiert. Wir hatten den Beschluss gefasst, dass wir unsere Stärken, die wir in unserer Gemeinde haben, erkennen und ausbauen wollten. Die entscheidenden Fragestellungen lauteten: Was soll so bleiben wie es ist? Was soll verbessert werden? Was soll neu eingeführt werden? Besonders die Lebensqualität ist uns hier ans Herz gewachsen. Dazu zählen vor allem die Schönheit der Region und die noch gut erhaltene Kulturlandschaft mit den vielen Obstbäumen und Baumreihen in den klein strukturierten Flächen. Unter Lebensqualität verstehen wir aber auch den Geist des miteinander Zusammenarbeitens. Wir haben ein Modell entwickelt, um Probleme zu lösen, indem wir uns gegenseitig in allen Fraktionen bis hin zu den einzelnen Berufsgruppen unterstützen. Bis zum endgültigen Entwurf dauerte die Erstellung des Leitbilds etwa ein Jahr. Schließlich wurde im Rahmen einer feierlichen Bürgerversammlung das Leitbild öffentlich präsentiert und in gedruckter Form an alle Haushalte, Nachbargemeinden sowie Dienststellen geschickt.“

Im Gemeindeleitbild wurde festgehalten, dass die Fähigkeiten der einzelnen Bürger zur Entfaltung kommen sollen. Dabei war entscheidend, die Fähigkeiten der Bürger zu suchen und zu entdecken, so dass sie für die Gemeinde eingesetzt werden konnten. Dabei sollten nicht nur die Fähigkeiten des Einzelnen eingesetzt werden, sondern auch von den anderen Bürgern gewollt und geschätzt werden. In dieser Hinsicht ist ein Bürgermeister vor allem Vermittler zwischen den Bürgern und politischen Entscheidungsträgern. Er informiert darüber, von welchen Personen und auf welche Art Ideen und Projekte stammen und wie sie gemeinsam verwirklicht werden können. Bei der Entwicklung eines neuen Raumordnungskonzepts etwa wurden Vereine, Institutionen und Körperschaften der Gemeinde eingeladen, um zum Entwurf Stellung zu nehmen und mit zu gestalten.

Neben der Erarbeitung der Ziele ist die Verteilung der Rollen und Aufgaben für die Umsetzung des Leitbilds notwendig. Folglich wurden zu verschiedenen Themen Fachausschüsse gebildet, die die Aufgaben an rund 40 Mitwirkenden verteilten. In dieser Zusammenarbeit von politischen Entscheidungsträgern und Gemeindebürgern entwickelte sich dadurch eine besondere Form der Qualifizierung eigener Fachleute.

Im Gemeinderat wurden schließlich die unterschiedlichen Positionen miteinander in Einklang gebracht und beschlossen – und gemeinsam durchgestanden. Das übergeordnete Ziel in Steinbach lautete, dass man sich von einer Neidgenossenschaft zu einer Eidgenossenschaft hin entwickeln wollte.

Das Leitbild stärkt und entwickelt eine wertorientierte Gesellschaft: Steigerung der Lebensqualität, Stärkung der lokalen Identität und Bewahrung einer intakten Umwelt.

Der Bürgermeister erläutert den Zusammenhang von Gemeindeentwicklung, Ökologie und Dorferneuerung:

„Der partnerschaftliche Umgang miteinander ist das wichtigstes Kriterium für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Zusammenarbeit bei den politischen Parteien, das gegenseitige Helfen der verschiedenen Berufsgruppen untereinander – das ist der neue Weg. Wir sehen uns nicht mehr als Konkurrenten, sondern freundschaftlich bewegen wir Neues. Wir stellen unsere Fähigkeiten jeweils dem anderen zur Verfügung. Diese partnerschaftliche Einstellung wirkt sich auch auf den Baustil und die Art des Renovierens bei der Dorferneuerung aus. Wir reißen alte Gebäude nicht einfach ab, sondern wir richten das Vorhandene wieder her und besinnen uns auf unsere Tradition. Dabei handelt sich nicht allein um Fassadengestaltung, sondern wir stärken damit auch unser Selbstbewusstsein – es ist eine innere Erneuerung. Der Zusammenhang von äußerer und innerer Erneuerung wird häufig an eher unscheinbaren Dingen sichtbar wie etwa bei der Gestaltung von Fenstern, Türen oder der Deckengestaltung eines alten Bauernhauses.

Ich sehe meine Aufgabe als Bürgermeister darin, dass ich den Gemeindebürgern dabei helfe, ihre Fähigkeiten zur Entfaltung kommen zu lassen. Lob und Anerkennung für ihre Leistungen gehören ebenso dazu. Es gilt, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Verknüpfungen in der Region herzustellen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass wir das, was wir hier leisten, den Menschen unserer Zeit bewusst machen. Noch immer wissen viel zu wenige, was es bedeutet, eine im ökologisch befindliche Landschaft zu erhalten und zu kultivieren. Denn wir arbeiten nicht nur um des Wirtschaftens willen, sondern wir tragen zu einer wertorientierten Gesellschaftsentwicklung bei.“

Ein Leitbild wie das von Steinbach berücksichtigt im hohen Maß die Lebensqualität einer Gemeinde. Dies ist notwendig, denn wir leben in einer Zeit, in der sich die Menschen nach mehr persönlichen Beziehungen sehnen. Ebenso ist die Notwendigkeit in einer intakten Umwelt zu leben den Menschen bewusster geworden. Bei allem Planen und Tun sollte deshalb Zukünftiges bedacht werden: Das Leben unserer Orte, unserer Städte und Landschaften endet nicht mit unserem Tod. Unseren nachfolgenden Generationen eine Chance geben, heißt auch bereits in dieser zukunftsbewussten Chance zu leben.

In Generation zu denken und zu handeln heißt auch, dass Erneuerungen nicht von heute auf morgen zu verwirklichen sind. Es ist eben das Ziel eines Leitbildes, dem langfristigen Denken eine Grundlage zu geben. So heißt es im Steinbacher Leitbild:

„Uns ist bewusst, dass weder die persönliche Lebenslänge noch die wirtschaftlichen und körperlichen Kräfte ausreichen, um alle Ideen und Notwendigkeiten umzusetzen bzw. auszuführen. Hier wollen wir auf die Kontinuität der Generationsfolge achten und trotz der vielen Aufgaben die nötige Gelassenheit bewahren.“

Das Leitbild bewirkt eine grundlegende Änderung des Selbstverständnisses einer Gemeindepolitik. Raum für eine innovative Politik wird geschaffen. Demokratie wird erlebt und gelebt.

Voraussetzung für die Entstehung des Gemeindeleitbilds war, dass die Parteien sich zunächst über einen gemeinsamen Nenner einigen konnten. Alle Fraktionen kamen zur notwendigen Überzeugung, dass eine Wende in Steinbach nicht erreicht werden kann, wenn man gegeneinander arbeitet. Im Gemeinderat vereinbarte man eine neue politische Kultur. Es wurden gemeinsame Regeln erarbeitet, um den Fraktionen die Mitarbeit an der Gemeindeentwicklung attraktiv zu machen: Erfolge werden gemeinsam geteilt, ein toleranter Umgang wird gepflegt, Informationen werden für alle zugänglich gemacht und die unterschiedlichen politischen Meinungen werden respektiert. So trat die Parteipolitik in den Hintergrund und man konnte sich auf die zukünftige Entwicklung der Gemeinde konzentrieren. Der Vizebürgermeister, der einer anderen Partei angehört als der Bürgermeister, meint dazu:

„Der Bürgermeister und ich haben uns darauf geeinigt, dass wir kameradschaftlich miteinander zusammen arbeiten wollen und nicht gegeneinander. Zu Beginn hat sich für uns die Frage gestellt wie die Bürger darauf reagieren würden. Denn es gibt Menschen, die eine Entscheidung nicht nach ihrem Herzen treffen. Sie sind darin befangen, dass sie eine Art Feindbild brauchen, um sich mit einer gesellschaftlichen und politischen Gruppierung identifizieren zu können. Der Bürgermeister und ich haben jenen Personen das Feindbild kurzerhand weggenommen. Es gab nicht mehr die ‚bösen Roten‘ oder die ‚bösen Schwarzen‘. Zusammen haben wir deutlich gemacht, dass es von nun an nur noch ‚gute Rote‘ und ‚gute Schwarze‘ geben würde.

Man kann sich vorstellen, dass dies für so manchen Wähler ein Problem darstellte. So lag es nahe, dass uns vor allem darum ging, die Menschen wieder zum Wählen zu ermutigen – die heute übliche Wahlbeteiligung von ca. 50 % ist eine traurige Sache. Wir wollen die Bürger nicht bitten, sondern sie sollen aus der eigenen Motivation heraus jemanden wählen, bei dem sie wissen, dass dieser etwas für die Gemeinde tut.

Des Weiteren überlegten der Bürgermeister und ich, in wie weit man ein Persönlichkeitswahlrecht für unseren Ort zuschneiden könne. Die Idee war, ob wir nicht Kandidaten quer durch die Parteien aufstellen sollten, die sich für die Gemeinde durch besondere Fähigkeiten eignen würden. Aber schließlich sind wir ein kleiner Ort und keine autarke Republik und folgen so den Wahlgesetzen und Wahlrechten mit den unmöglich komplizierten Bezirks- und Landesvorschreibungen.

Dann möchte ich noch etwas zum Umgang miteinander in den Gemeinderatsitzungen sagen: Dort wird nicht mehr wie früher parteipolitisch gekämpft, sondern es ist viel eher ein gesellschaftliches Ereignis. Der Umgangston untereinander ist sehr angenehm. Schuldzuweisungen und Verdächtigungen wie sonst so üblich in der Tagespolitik gehören bei uns der Vergangenheit an. Es herrscht ein Klima des Vertrauens und damit kann eine Sachdiskussion, in der die verschiedenen Argumente im Entscheidungsprozess berücksichtigt werden, mit konstruktiven Ergebnissen und Lösungen geführt werden. Wenn ich zum Beispiel merke, dass die andere Fraktion eine Idee verfolgt, in der schon mein Gedanken miteingebracht ist, muss ich ja nicht mich selbst hervortun, sondern wir anerkennen eine Gemeinsamkeit. Da unsere Partei eher die Interessen der Angestellten und Arbeiter vertritt, kann man gegebenenfalls landwirtschaftspolitische Aspekte den anderen überlassen – einfach deshalb, weil sie sich besser damit auskennen. Das ist doch keine Schande! Hinzu kommt, dass wir hier in Steinbach einen so genannten ‚Patentschutz für Ideen‘ eingeführt haben. Ideen entstehen erst nach und nach werden stets weiter entwickelt. Viele Beteiligte wirken bei diesem Prozess mit. Der Patentschutz soll vermeiden, dass aus parteipolitischen Gründen gute Ideen verhindert werden.“

 

Vom wirtschaftlichen Niedergang eines Dorfes zur Wiederbelebung

Bestehendes bewahren, neue Zukunftsperspektiven schaffen und befähigte Menschen unterstützen sind die wegweisenden Eckpunkte für eine nachhaltige Entwicklung.

Früher hat man wegen des Aufstiegs des eisenverarbeitenden Gewerbes vom Goldenen Steinbach gesprochen. Durch die Nähe zur 18 km entfernten Eisenstadt Steyr entwickelte sich am Flusslauf der Steyr ein kleines Industrie- und Handelszentrum. Schon im 12. und 13. Jahrhundert gab es Handelsverbindungen der Messerer, Schleifer und Klingenschmiede mit Triest und Venedig. Im Jahr 1422 ist erstmals das „ehrsame Handwerk der kaiserlichen wohlbefreiten Messerer-, Klingenschmied- und Schleifenwerkstatt Steinbach“ urkundlich erwähnt. Landesfürstliche Privilegien schützten die Messerer bei der Ausübung ihres Gewerbes.

Die Relikte dieser Epoche prägen das Steyrtal bis heute. Die gesamte Region hat sich in den letzten 20 Jahren tatkräftig darum bemüht, diese stolze Vergangenheit interessierten Menschen näher zu bringen. Museen und Themenwegen sind Beispiele, die diese wirtschaftlich und kulturell bedeutsame Vergangenheit nachzeichnen und damit dem wachsenden Tourismus der Region Rechnung tragen.

Mit der Industrialisierung des Messerergewerbes im 18. Und 19. Jahrhundert entstanden entlang der Steyr Produktionshallen und brachte damit einen weiteren Entwicklungsschub. Der allgemeine Strukturwandel jedoch und die wirtschaftlichen Weltmarktbedingungen, die nach dem 2. Weltkrieg einsetzten, bedeutete den unwiderruflichen Niedergang des Messer- und Besteckherstellers in den 60er Jahren. 200 Menschen verloren in Steinbach ihren Arbeitsplatz.

Folge waren verfallende Werkshallen, aber auch leerstehende Häuser im Ortskern: Das historische Ortsbild wurde dadurch wesentlich beeinträchtigt. Darüber hinaus wirkte sich dieser Zusammenbruch aufgrund der kleinen wirtschaftlichen Infrastruktur auch auf andere Gewerbebetriebe und bergbäuerlichen Betriebe aus. Die Kleinbauern verloren ihre örtlichen Abnehmer. Ein unverhältnismäßig hoher Anteil der Bürger musste daher einer Arbeit außerhalb der Gemeinde nachgehen.

Neue Impulse wurden gesetzt, um die örtliche Wirtschaft wieder neu zu beleben. Die Werkshallen wurden von der Gemeinde schrittweise gekauft und zu zeitgemäßen Produktionshallen saniert; das Hauptgebäude wurde zum Messerermuseum umgebaut. Mit dieser und anderen Maßnahmen ist Steinbach wieder für die Gewerbetreibenden ein attraktiver Standort geworden. Die Aufgabe der Gemeindepolitik besteht darin, festzustellen, welche wirtschaftlichen Angebote für die Gemeinde und deren Bürger fehlen. Für eine wirtschaftliche Neubelebung ist aber auch das gezielte Ermutigen und die Unterstützung befähigter Menschen von entscheidender Bedeutung. Der Schlosser über seinen Schritt in die Selbstständigkeit:

„Meine Lehre als Schlosser habe ich in einem großen Betrieb absolviert und später arbeitete ich einige Jahre in einer anderen Firma. Ich habe mich aber immer mit den Gedanken getragen, dass ich eines Tages selbstständig sein möchte. Zuerst fasste ich jedoch den Entschluss als Gemeindearbeiter tätig sein zu wollen. Als aber ein Gemeindemandatar das verhinderte, um mich bei der alten Firma zu behalten, war für mich klar, dass nun die Zeit mich selbstständig zu machen gekommen war. In meiner Autogarage habe ich dann 1983 einen Ein-Mann-Betrieb gegründet. Die Leute haben sich damals schon sehr gewundert und es anfangs nicht für möglich gehalten, dass ich es schaffen würde. Es hat dann aber doch geklappt – meine Frau hat mich dabei sehr unterstützt. Schon damals habe ich recht schöne technische Geräte gebaut. Mittlerweile zählt der Betrieb sieben Mitarbeiter und die Geschäftsentwicklung ist dem entsprechend positiv. Das Wichtigste ist, dass man konsequent Qualitätsprodukte erzeugt. Dann führt der Weg sicher nach oben. Doch ich muss mich auch darauf verlassen können, dass meine Arbeit und meine Produkte regionale Unterstützung finden. Und das ist hier in Steinbach sicher der Fall.“

In wirtschaftlicher Hinsicht kann für die wertorientierte Gemeindeentwicklung in Steinbach folgende Bilanz gezogen werden: Die Zahl der Unternehmensgründungen hat sich seit 1987 mehr als verdoppelt. Ebenso konnte man zahlreiche neue landwirtschaftliche Arbeitsplätze schaffen. Insgesamt hat sich daher das Investitionsvolumen der Gemeinde erhöht und damit wirtschaftliche Aktivitäten intensiviert. Positive Folge für die Bevölkerungsentwicklung: Die Abwanderung wurde gestoppt und neue Bürger wurden hinzugewonnen.

 

Erneuerung der Strukturen:

Projekte in Gastronomie und Tourismus

 

Konstruktive Zusammenarbeit in der Gastronomie ist eine der Voraussetzungen, um die Gemeinde zu einem Naherholungsgebiet auszubauen.

Die Gastronomiebetriebe in Steinbach mit seinen ungefähr 2000 Einwohnern wären ohne den Tourismus nicht überlebensfähig gewesen. Die Gastwirte mussten daher andere Gemeinden in der näheren Umgebung wie Steyr, Garsten oder Kirchdorf in ihren Wirkungsbereich mit einbeziehen. Um diese Zielgruppe anzusprechen, war es nötig, dass die Gastwirte zusammen und nicht gegeneinander arbeiteten, so wie es in den Jahren zuvor der Fall gewesen war.

Eine erste gemeinsame Aktivität bestand in der gemeinschaftlichen Planung und Verwirklichung von Werbeprojekten. Mit der Broschüre Wohl bekommt’s in Steinbach. wurde der erste Schritt gelegt, um Steinbach in gastronomischer Hinsicht attraktiver zu gestalten. Auch die Oberösterreich Woche wurde im Ort forciert, bei der alte traditionelle Gerichte wieder neu arrangiert werden.

Wirtshäuser in kleinen Gemeinden sind Angelpunkte sozialen Geschehens. Gemeindebürger untereinander aber auch Besucher von außerhalb kommen hier miteinander ins Gespräch. Vor allem jedoch steht der Erfahrungsaustausch im Engagement für die Gemeinde zwischen Bürgern und politischen Entscheidungsträgern im Vordergrund. Denn nicht selten finden sich die Gemeinderäte nach einer Gemeinderatsitzung an einem Tisch und setzen ihre Diskussionen öffentlich fort. Im Ort werden Arbeits- und Lebensalltag auf harmonische und produktive Weise miteinander verknüpft. Gemeinsames partnerschaftliches Arbeiten begrenzt sich eben nicht nur auf den klassischen Arbeitsbereich. Um einen langfristigen Erfolg für die Gemeinde zu garantieren, muss aber auch die Bereitschaft für mehr Zeit, Verantwortung und Eigeninitiative vorhanden sein. Ohne die zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten und freiwilligen Arbeitsstunden der Mitwirkenden wäre der Steinbacher Weg nicht möglich gewesen.

In der gemeinsamen Anstrengung der Wirte begann für Steinbach der Weg zu einem beliebten Naherholungsgebiet für die angrenzenden Gemeinden. Aber auch über die Grenzen der Region hinweg hat sich der Ort zu einem Urlaubsziel insbesondere für Städter entwickelt, die Erholung vom hektischen Arbeits- und Lebensalltag suchen. In einem weiteren Schritt machte man sich daran, den Standort mit weiteren touristischen Angeboten attraktiver zu gestalten. Die Touristen sollten länger als nur einen Tag in ihrer Gemeinde verbringen. Um dies zu erreichen, wurden zahlreiche Ideen und Projekte verwirklicht. Es wurden Wanderwege angelegt, die abwechslungsreich durch Wälder, über sanfte Berge und Täler führen mit großartigen Aussichten ins Steyrtal, ins Ennstal und die Berge des Mühlviertels. Am Rieglerseff kann man nach der Wanderung im Gasthof einen schönen Abschluss finden. Nicht selten kommt es vor, dass der Besucher und Wanderer auf dem Weg dorthin bei einer Pause bei einem Bauernhaus von einer Bäuerin mit einem Krug Most oder einem Schnaps versorgt wird. Weiters besteht die Möglichkeit die traditionellen Bauernhöfe, die die ländliche Kultur am unmitttelbarsten darstellen, zu besichtigen. Darüber hinaus werden für musikalisch interessierte Besucher Musikgruppen und Gesangsgruppen organisiert und zur Verfügung gestellt..

Nicht zu Letzt hat auch die Eröffnung des Nationalparks Kalkalpen 1997 für eine weitere dynamische Entwicklung in der Tourismusbranche der gesamten Steyrtalregion beigetragen. Mit der Gründung des Nationalparks wurde das größte zusammenhängende Waldgebiet Österreichs unter Schutz gestellt. In diesem einzigartigen Naturraum haben zahlreiche seltene und gefährdete Tiere und Pflanzen ihre Heimat. Wanderer können auf thematischen Rundwanderwegen glasklare Gebirgsbäche und atemberaubende Aussichten genießen.

 

Der ‚Urlaub auf dem Bauernhof‘ verbindet Tourismus und Ökologie mit einem lebensgerechten Zuerwerb für den Bauern. Und der städtische Urlauber erlebt das unmittelbare Leben mit der Natur.

 

Der Bürgermeister, die Gemeinderäte aller Fraktionen und die Bürger von Steinbach sahen im Tourismus die Möglichkeit, einen Teil des Strukturwandels in der Gemeinde herbeizuführen, die für alle Beteiligten von Vorteil war. Entscheidend beim Ausbau des Tourismus war aber, dass es sich um einen sanften Tourismus handeln musste, der die Natürlichkeit und das ökologische Gleichgewicht der Region berücksichtigte. Der mittlerweile schon selbst verständliche Urlaub auf dem Bauernhof zählt hier zum zentralen Bestandteil des sanften Tourismus. Zu betonen in diesem Zusammenhang ist vor allem die Situation der Landwirte, die in Steinbach mehr als 50% der Bevölkerung ausmachen und die durch den stetig globaler werdenden Strukturwandel in der jüngeren Vergangenheit besonders in Mitleidenschaft gezogen wurden. Indem die Touristen den Urlaub auf einem Bauernhof verbringen, können so die Landwirte ihr Überleben sichern. Der Landwirt ist nicht gezwungen dem Nebenverdienst außerhalb des eigenen Hofes nachzugehen. Aber auch der städtische Besucher profitiert vom Urlaub auf dem Bauernhof.

Der Städter erlebt das unmittelbare Leben und nimmt den Umgang mit Tieren und Pflanzen auf, vor allem auch der eigenen Kinder wegen. Für den Touristen ist der Aufenthalt in dieser einmaligen und im ökologischen Gleichgewicht befindliche Landschaft eine Art Erkenntnis, die sie darin bestärkt, für unsere Umwelt und damit auch einer nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung aktiver einzutreten. In dieser Hinsicht wird die kulturelle Kluft, die häufig unreflektiert der Stadt- und Landbevölkerung zugeschrieben werden, überwunden. Es wird übersehen, dass Impulse für einen gesellschaftlichen Fortschritt in seiner ganzheitlichen und menschengerechten Dimension in erster Linie von der ländlichen Region ausgehen. Ein Urlauber aus Wien erzählt:

„Wir kommen aus Wien und haben von unserer Wohnung aus praktisch keine Aussicht. Als Städter hat man auch kaum Kontakt mit der richtigen Natur. Für uns und die Kinder ist es daher ein großartiges Erlebnis auf dem Bauernhof die Vielzahl der Tiere und die natürlichen Lebensbereiche kennen zu lernen. Allein die Ruhe, die wir hier genießen können, ist von unschätzbaren Wert. Man merkt, dass unsere Gastgeber auf städtische Urlauber eingestellt sind. Sie wissen, was wir gerne sehen und unternehmen möchten. So gibt es hier auf einem Nachbarhof die Möglichkeit zu reiten, es gibt einen kleinen Streichelzoo und einen Kräutergarten. Das ist vor allem für die Kinder eine großartige Erfahrung, denn in der Schule lernen sie diese lebendigen Zusammenhänge nicht so sehr. Hervorzuheben sind auch die eigenen Produkte, die am Hof hergestellt werden. Von Brot, Marmelade, Joghurt bis hin zu Schnaps reicht das Angebot. Es ist klar, dass diese Lebensmittel geschmacklich nicht zu überbieten sind. Darüber hinaus empfehlen uns die Gastgeber besonders schöne Wander- und Fahrradrouten, die wir hier in dieser einzigartigen Umgebung unternehmen können. Es gibt aber auch die Möglichkeit auf der Steyr Kanu zu fahren. Wie man sieht, gibt es für jeden Geschmack etwas. Abends sitzen wir dann auch häufig bei Grillabenden alle zusammen. Bei solchen Gelegenheiten unterhalten wir uns über die Unterschiede des Alltags in der Stadt und auf dem Land.“

In den letzten Jahren hat sich zusätzlich zum Tourismus eine weitere Entwicklung abgezeichnet: Die Stadtbevölkerung entdeckt zunehmend den ländlichen Raum als Zweitwohnsitz oder Erstwohnsitz. Viele von ihnen haben sich in Steinbach ein Haus oder ein Grundstück erworben. Die Einen suchen Erholung vom hektischen Arbeitsalltag der Stadt am Wochenende. Andere schätzen die hohe Lebensqualität so sehr, dass sie sich dauerhaft in Steinbach niedergelassen haben. Darüber hinaus ermöglichen die neuen Kommunikationstechnologien, dass der Wohnsitz im idealen Fall unabhängig vom Arbeitsplatz gewählt werden kann. Dies bedeutet auch, dass so manche Arbeitsplätze der städtischen Ballungsgebieten in ländliche Regionen ausgelagert werden können.

 

Bäuerlicher Kulturraum: Ökologie und Tradition

 

Die ökologische Stabilität der Landschaft ist dem sanften Umgang des Bauern mit der Natur zu verdanken. Dabei hat er eine ländliche Kultur geschaffen, die für die gesamte Gesellschaft von Bedeutung ist.

Die Landwirtschaft leistet einen wesentlichen Teil zur positiven Gestaltung unserer Umwelt. Nach Prof. Hans Millendorfer erschließt uns der Weg einer neuen Bäuerlichkeit den Zugang zu den Zusammenhängen von Natur, Mensch und Seele. Der Bauer ist nicht nur der, der das Land bewirtschaftet, sondern auch bewirtet – also pflegt und bedient. Der Bürgermeister erläutert diesen Zusammenhang:

„Es ist entscheidend, dass man den Unterschied zwischen einer gut erhaltenen Landschaft und einer ausgeräumten Landschaft erkennt. Unsere Region ist eine der letzten Reservate in Österreich, in der noch von alters her gewachsene Strukturen vorhanden sind und somit ist auch das ökologische Gleichgewicht intakt. Wenn in unserer gegenwärtigen Zeit die Umweltprobleme aller Orten zunehmen, dann ist unsere Gegend etwas Besonderes. Die Steyr zum Beispiel besitzt Trinkwasserqualität erster Klasse, was in Europa wohl nicht so häufig vorkommt. Wir, die Bürger von Steinbach, müssen uns das bewusst machen. Wir sollen stolz darauf sein und müssen das zu den Menschen tragen. Nur so kann unsere Leistung auch anerkannt werden mit dem wirtschaftlichen Nutzen. Unsere Bauern und Gewerbetreibenden müssen aktiv bleiben, damit wir das erhalten können, was unsere Region ausmacht.

Es ist vor allem den Bauern zu verdanken, dass wir hier in einer solchen bemerkenswerten Landschaft leben, in der Kultur und Natur Hand in Hand gehen. Der Bauer hat in Jahrhunderten hindurch in Kreisläufen gedacht und so den sanften Umgang mit der Natur gepflegt. Er hat dabei den ländlichen Kulturraum erhalten und Kulturgüter geschaffen. Es ist deshalb wichtig, die Bedeutung und die Leistung des Bauerntums einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Nicht nur die Bürger unserer Gemeinde, sondern auch die Gesellschaft muss erkennen, dass ohne den bäuerlichen Kulturraum eine nachhaltige Entwicklung nicht möglich ist.“

Aus hydrologischer Sicht ist festzustellen, dass die Region um Steinbach ein Übergangsbereich ist, dass sich von den nördlichen Kalkalpen bis zum Flöz ausbreitet. Daraus resultieren relativ instabile Verhältnisse für die Landschaft. Es besteht die Gefahr von Erosion, Hochwasser und die Bildung von Mooren. Die Bauern haben es Jahrhunderte lang verstanden eine Landwirtschaft zu betreiben, die diesen geologischen und hydrologischen Verhältnissen angepasst war. Trotz flächendeckender Inanspruchnahme hat es hier die Landwirtschaft geschafft diese Landschaft zu stabilisieren – eine für Österreich schon fast einzigartige Gegebenheit. Anstatt das ehemalige Waldkleid durch Wiesen und Äcker zu ersetzen, wurde an den entscheidenden Stellen wie den Steilhängen und Gräben Obsthecken und Flurhecken gepflanzt. Hecken dieser Art besitzen wiederum eine ökologisch wichtige Funktion: sie sind Brücken zwischen den einzelnen Lebensräumen und teilweise sind sie selbst eigene Lebensräume. Die dadurch entstandenen doppelten Waldränder gewährleisten eine besondere Artenvielfalt. Das entscheidende Ergebnis dieser ökologischen, ästhetisch sensiblen und sehr reichhaltigen Wirtschaftsweise ist die Stabilität der Landschaft.

Diese alte gewachsene landwirtschaftliche Struktur bedeutet für den Landwirt, dass er Äcker und Felder mit einem sehr großen Aufwand bewirtschaften muss. Er hat zwar die Möglichkeit, wenn er allein von der Landwirtschaft leben will, zu intensivieren. Folge wäre jedoch, dass die Landschaft langfristig verarmt: die Hecken werden ausgeräumt, die Wiesen werden aufgedüngt und die Weiden werden aufgeforstet. Ziel ist jedoch, die Landschaft in seiner alten Struktur weiterhin zu erhalten. Ein Jungbauer aus Steinbach erzählt:

„Hier in Steinbach hat sich ein gewisser Kreis von Landwirten etabliert, die nicht einfach mehr produzieren und noch mehr Betriebsmittel einsetzen. Stattdessen haben wir uns entschlossen, ökologisch und im Sinne der Natur zu wirtschaften. Prof. Millendorfer half uns bei dieser Entscheidung tatkräftig und machte uns immer wieder darauf aufmerksam, dass wir die Böden nicht ausbeuten, sondern im Gleichgewicht mit der Natur wirtschaften sollten. Damit wird nicht nur eine Naturlandschaft, sondern auch eine Kulturlandschaft erhalten, die hier in Steinbach seit Jahrhunderten gepflegt wird.

Bei meiner täglichen Arbeit auf dem Feld ist der Handelsdüngereinsatz bei mir praktisch unbedeutend. Lediglich kleine Mengen werden verwendet, um den Phosphormangel des Bodens auszugleichen. Aber auch der geringe Einsatz von Kraftfutter für die Rinder ist hervorzuheben. Es ist richtig, dass unsere Erträge bislang relativ gering gewesen sind. Hinzu kommt die Hanglage, die das alles noch erschwert. Aber ich bin mir sicher, dass wir mit diesem Weg langfristig Erfolg haben werden. Nicht nur wir, sondern auch die nachfolgenden Generationen werden davon profitieren.

Betonen möchte ich auch die Unterstützung der Bevölkerung. Die eigenen Produkte, die wir herstellen, werden von den Bürgern auf dem Markt gerne gekauft. Somit ist die Nachfrage nach unseren qualitativ und bodengerecht produzierten Lebensmitteln gestiegen. Wir hoffen natürlich, dass wir damit auch über die Gemeinde hinaus noch zusätzlich unsere Produkte an die Menschen bringen können – und zwar im Direktvertrieb. Eine weitere Einnahmequelle ist natürlich auch, dass wir die Touristen dazu ermutigen, bei uns auf dem Bauernhof ihren Urlaub zu verbringen. Auch hier ist noch Potenzial vorhanden.

Bezüglich der eigenen Lebensmittel, die wir Bauern hier herstellen, lässt sich ein Produkt besonders hervorheben. Aufgrund der vielen Obstbaumreihen und –anlagen, die für das Steyrbachtal charakteristisch sind, haben sich mehrere Landwirte zusammengeschlossen, um diesen wertvollen Bestand auch wirtschaftlich zu nutzen. Das Projekt ‚Steinbacher Fruchtsäfte‘ war geboren. Ohne chemische Zusätze haben wir zur Markterprobung zunächst 26.000 Liter Fruchtsaft in fünf verschiedenen Sorten hergestellt. Hauptabnehmer sind bislang Seminar- und Gasthäuser, Fachgeschäfte und Bauernmärkte in der Region gewesen. Unsere Fruchtsäfte haben sicherlich einen beachtlichen Werbeeffekt für die Gemeinde.“

 

Dorferneuerung und wertorientierte Gemeindeentwicklung

 

Dorferneuerung bedeutet nicht nur äußere Gestaltung, sondern ist auch sichtbare Vermittlerin von Kultur, Tradition und Grundwerten – Dorferneuerung ist kulturelle Erneuerung.

Die Orts- und Umweltgestaltung beginnt in den eigenen Lebensbereichen wie dem Haus und der Familie. Dieser persönliche Bereich ist der vergleichsweise kleinste Teil eines größeren Ganzen wie etwa eines Orts oder Lands. Doch wie sich die großen Strukturen in den kleinen Strukturen spiegeln und auch umgekehrt, so ist ein wohlgestalteter Teil nicht denkbar ohne die Summe der wohlgestalteten kleinen Teile. Ein Bauer erklärt hierzu:

„Ich habe das Eingangstor meines Bauernhauses neu gestaltet. Zwar war schon vorher das Tor aus Holz mit einem Sonnensymbol versehen. Doch ich habe die Proportionen der Sonne bei der Renovierung vergrößert und die Form vereinfacht. Ich bevorzuge die einfache Form wie das auch in der Natur der Fall ist. Das Symbol der Sonne ist für mich als Bauer wichtig, weil ich vor allem mit der Sonne, dem Boden und dem Wasser verbunden bin. Und wir müssen uns bemühen, dass wir diese einzigartige Landschaft hier in Steinbach erhalten. Ich möchte mit der Sonne aber auch zeigen, dass Tore nicht nur zum Zusperren sind, sondern dass sie auch eine einladende Funktion haben. Durch eine solche Gestaltung wird nach außen gezeigt, was für ein Geist innen herrscht. Die Sonne ist Zeichen des Aufbruchs und des neuen Geistes in unserer Gegend.

Auch im Haus selbst habe ich in jahrelanger Arbeit die Decke erneuert. Für mich bedeutet es keine Mühe, wenn ich für eine Kleinigkeit einen ganzen Tag benötige. Ich freue mich darüber, wenn es so geworden ist wie ich es mir vorgestellt habe und dabei einen eigenen Stil entwickle. Die in der Decke befindliche Inschrift fasst die Tradition und das Verständnis unserer ländlichen Kultur auf einfache Weise zusammen: ‚Dieses Haus ist mein und doch nicht mein / Der vor mir war – dem war’s nicht sein / Er ging hinaus und ich hinein / Nach meinem Tod wird’s grad so sein / So trägt man jeden still hinaus / Nun sag‘ mir wem gehört dieses Haus.‘

Und wenn man es recht überlegt, entspricht diese Inschrift genau dem neuen Klima, dass nun in Steinbach herrscht. Denn nachhaltige Entwicklung bedeutet, dass wir uns für die kommenden Generationen einsetzen. Man darf eben die Tradition nicht verkommen lassen. Die Generationen vor uns wussten schon ganz genau worauf es ankommt. Sie besaßen das Gefühl für das Schöne und Lebenswerte – sie lebten mit und nicht gegen die Natur.“

Der sichtbare Mittelpunkt einer Dorferneuerung ist der Ortsplatz, der als Symbol der Zusammengehörigkeit und Ort der Begegnung ist. Der Ortsplatz von Steinbach ist geprägt von alten Bürgerhäusern, dem Brunnen aus dem Jahr 1708 und der angrenzenden Pfarrkirche. Glücklicherweise ist die historische Bausubstanz und Siedlungsstruktur bis in die 70er Jahre erhalten geblieben. Ein Fachausschuss bestehend aus Ortsplanern und Gemeindebürgern entwickelte gemeinsam die Gestaltung des Platzes. Dabei wurden sowohl Aspekte des täglichen Lebens und Wirtschaftens als auch Gesichtspunkte des Feierns berücksichtigt. Um den Ortsplatz vor übermäßigem Verkehr zu bewahren, wurden am Ortseingang zusätzliche Parkplätze geschaffen. Die Häuser wurden renoviert und revitalisiert, ohne dass der typische Ortscharakter verloren ging. Die dörfliche Infrastruktur und die Nahversorgung wurden wiederbelebt. Neben Pfarrzentrum, Gasthaus, Gemeindeamt und Wohnungen haben sich nun auch ein technisches Büro und ein Textil- und Lebensmittelgeschäft angesiedelt.

Dorferneuerung stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Bürgern. Sie fördert die Identifikation mit den eigenen Wurzeln und der Tradition. So wurde im Zuge der Erneuerungen auch eine eigene Steinbacher Tracht entworfen, die bei Festen getragen wird. Dazu zählt auch die Pflege der regionalen Volksmusik. Und um an das einst blühende Messerergewerbe zu erinnern, gründete man einen Verein zur Erhaltung von Zeitzeugen der alten Eisenkultur.

Dorferneuerung und wertorientierte Gemeindeentwicklung sind eine Chance, unsere Gesellschaft wieder menschlicher und lebenswerter zu gestalten.

Die Dorferneuerung ist im weiteren Sinne der sichtbare Vermittler von Grundwerten, die der heutigen Gesellschaft – vor allem in städtischen Ballungsräumen – abhanden gekommen sind. Dorferneuerung ist Ausdruck einer neuen Lebensqualität. Heutzutage fehlt es in unseren Breitengraden nicht an Nahrungsmitteln und Gütern. Stattdessen fehlt es an partnerschaftlicher Kommunikation und dem Verständnis der Menschen untereinander. Wir benötigen eine menschliche Lebensqualität, bei der sich die Menschen untereinander helfen. Daraus erwächst eine Kraft, die wir zum Leben und zum Lösen von Problemen benötigen. Der Bürgermeister erläutert:

„Für eine Wende hin zur einer nachhaltigen Entwicklung ist es notwendig, die Eigeninitiative der Menschen zu wecken. Dies ist für mich ein wichtiger Grundwert. Von außen ist für die individuellen Probleme einer Gemeinde keine Hilfe und meistens auch keine Lösung zu erwarten. Man muss selbst aktiv werden und selbst Ideen entwickeln. Ein zweiter Grundwert, der von entscheidender Tragweite ist, ist die Partnerschaft. Das bedeutet, dass wir ohne Rücksicht auf politische und religiöse Zugehörigkeit über alle Grenzen hinweg partnerschaftlich arbeiten. Partnerschaft ist eben auch ein christlicher Grundwert und damit eine Verpflichtung sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. In der Bibel heißt es ‚Liebe deine Feinde‘ – um wie viel mehr gilt das für die Bürger einer Gemeinde! Drittens der Grundwert der Partizipation: Die Menschen sollen teilhaben an der Lösung von Projekten und auch am Erfolg. So werden Aktivität, Selbstbewusstsein und Identifikation gegenüber der Gemeinde gestärkt. Dann betrachte ich die Subsidiarität als einen grundlegenden Wert. Für mich heißt das, dass die Menschen die Probleme in einem möglichst kleinen Kreis lösen anstatt sie gleich an die Gemeinde, an das Land oder gar an den Bund weiterzuleiten. Jeder Gruppierung oder Struktur werden jene Aufgaben zugeteilt, die sie in der Lage sind zu lösen. Diese Aufgaben dürfen daher auch der entsprechenden Gruppierung nicht aus der Hand genommen werden. Und als letzten Wert möchte ich die Begriffe Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit betonen. Wir als Bürger der Gemeinde wollen ehrlich und so gerecht wie möglich miteinander umgehen. Ein solches soziales Verhalten verlangt auch, dass wir Rücksicht auf die Schwächeren in unserer Gemeinde nehmen.“

Ein solches Denken und Handeln wirkt sich auch auf den wirtschaftlichen Bereich aus. So geht der Gemeindebürger gleich welchen Berufsstands als Konsument wieder bei seinem örtlichen Kaufmann einkaufen. Er sucht den Bauernmarkt auf, um den Bauern zu unterstützen, der ja die zentrale Rolle in der ländlichen Kultur einnimmt. Er schätzt die qualitativen Produkte und die persönliche Dienstleistung der Gewerbetreibenden und hält ihnen die Treue. Man strebt also danach, die Wertschöpfung im Ort zu verbessern. Im Sinne der Nahversorgung werden die eigenen kleinen wirtschaftlichen Kreisläufe und Ressourcen nutzbar gemacht. Aus der Region für die Region wird als Leitsatz jenen Formen der Globalisierung entgegengestellt, die lokal angepasste Strukturen gefährden.

 

Steinbach: Impulsgeber für eine wertorientierte Gemeindeentwicklung

 

Gemeinden können ihre Zukunft eigenverantwortlich gestalten. Langfristiges Planen und tägliches Handeln sind Ausdruck dieses neuen Denkens.

Steinbach ist zu einer Gemeinschaft geworden, wo man gerne zusammen kommt und miteinander redet gleichgültig welche parteipolitische Überzeugung jeder Einzelne hat. Im Vordergrund der Überlegungen und Handlungen stehen das Wohl der Gemeinde, das Wohl aller – das Wohl der Gemeinschaft eben. Feste und andere kommunikative Veranstaltungen sind nicht mehr nur Ausdruck einer Sehnsucht nach Freude und Unterhaltung, sondern Impulsgeber für Verbesserungen. Der Ort lebt und bildet ein nachahmenswertes Beispiel für ein menschengerechtes Zusammenwirken. Die unterschiedlichen Meinungen sind kein Hindernis. Viel mehr sind sie Ausdruck einer Vielfalt, in der das flexible Miteinander Denken und Handeln herausfordert und zu Entscheidungsfindungen beiträgt.

Steinbach an der Steyr geht den Weg der wertorientierten Gemeindeentwicklung nunmehr seit 15 Jahren. Seit dieser Zeit befinden sich sämtliche Bereiche der Gemeinde im Aufwind. Ohne politisch oder ideologisch voreingenommen zu sein, haben Gemeindebürger und Fraktionen ihre Gemeinsamkeit gefunden, entwickelt und verwirklicht – ihren gemeinsamen Ort.

Steinbach hat mit diesem Erfolgsweg eine über die Gemeinde hinausgehende Funktion als Impulsgeber. Etwa 200 Exkursionsgruppen anderer Gemeinden, Institutionen und Projektbetreiber kommen jährlich, um den ‚Steinbacher Weg‘ kennen zu lernen. Durch zahlreiche Vorträge im Rahmen von Abendveranstaltungen, Tagungen und Seminaren auch außerhalb werden die gewonnenen Erfahrungen weiter gegeben.

Zukunftsweisendes Gedankengut und menschengerechte Umgangsformen mit der Natur, die die Gesamtheit des Lebensvielfalt berücksichtigt und das Erhaltenswerte und Lebensnotwendige schützt und fördert, ist vielerorts bereits verwirklicht. Musterbetriebe und Musterhöfe wie in Steinbach sind Richtungsweiser und Meilensteine auf den von Wert-Impulse beschriebenen Weg. Die Gemeinde Steinbach hat in diesem Zusammenhang mehrere Preise und Auszeichnungen erhalten. Unter anderem den Europäischen Dorferneuerungspreis 1994 und den Umweltschutzpreis des Landes Oberösterreich 1997.