Originalfilm  

 

Im Gespräch: Prof. Edi Ofner

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Praxis und Theorie im Schulbereich ist ein Teil davon. Gemeinsam mit Prof. Edi  Ofner und dem Sozialforscher Prof. Dr. Hans Millendorfer sowie Prof. Dr. Adi Kastner, dem damaligen Direktor der landwirtschaftlichen Fach- und Berufsschule Edelhof im oberösterreichischen Zwettl dokumentiert Wert-Impulse den neu zu beschreitenden Weg des zukunftsorientierten Bildungswegs.
Für Prof. Ofner sind Bildungsprozesse nicht alleine das Speichern von Wissen, sondern er plädiert dafür das Lehren als Lernen aufzufassen. Probleme konkret formulieren und gemeinsame Lösungen finden machen uns zu Suchenden und Lernenden, die die Fähigkeit besitzen, Wissen zu erwerben und Lernprozesse zu leben. Das sind Voraussetzungen für zwischenmenschliche Begegnungen, für Lebenserfahrungen und wertvolle Lernimpulse innerhalb eines sozialen Prozesses. Bildung ist für eine wertorientierte Gesellschaftsentwicklung maßgeblich entscheidend.


Kurzinhalt

  • Prof.Edi Ofner: erfahrener Pädagoge und Wegbereiter des sozialen Lernens
    Bildung bedeutet nicht allein das Vermitteln von Wissen, sondern ist darüber hinaus
    Bestandteil einer Lebensbildung.

  • Die Wende im Bildungssystem: Ganzheitlichkeit
    Lernkonzepte, die Körper, Geist und Seele miteinander in Einklang bringen, erhöhen
    Wert und Effizienz der Bildung. Vor allem Projekt- und Kleingruppenarbeit sind dafür
    geeignete Unterrichtsmodelle.

  • Die „Neue Schule“ – Schüler und Lehrer als Partner
    Der permanente Wechsel von Theorie und Praxis in der Ausbildung verknüpft
    Wissensvermittlung mit beruflicher Wirklichkeit. Lehrer und Schüler übernehmen
    gemeinsam Aufgaben. Das fördert Motivation, Eigeninitiative und soziale Kompetenz.

  • Berufsschule Edelhof – Musterschule und Vorbildfunktion
    Bildungsarbeit in der Schule, Entwicklungsarbeit in der Gemeinde und
    Beraterfunktion in Kammern: Edelhof ist Impulsgeber für Regionen und darüber hinaus.
  • Bildungsimpulse und wertorientierte Gesellschaftsentwicklung

    Für ein erfolgreiches Lernen und für eine wertorientierte Entwicklung der
    Gesellschaft stehen drei Bereiche im Vordergrund: Sachorientierung, Zielorientierung
    und Beziehungsorientierung.

  • Ganzheitliche Bildung
    Ganzheitliche Bildung bedeutet nicht nur Wissensvermittlung mit neuen
    Lernkonzepten, sondern auch Lebensbildung – für eine nachhaltige
    Gesellschaftsentwicklung

  • Wie können wir die Gesellschaft ändern?'
    Den Menschen zu einem Umdenken zu veranlassen bedeutet zunächst ihn in seiner
    Gesamtheit zu begreifen.
    Der Beginn des Umdenkens und danach das Handeln muss
    bei mir selbst beginnen. Nur so können wir die Welt verändern.

 

Inhalt

 

Praxis im Film zu Edi Ofner

 Praxis

Prof.  Edi Ofner

Prof. EDi Ofner

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Robert Moser im Gespräch mit Edi Ofner

 

 

Wertorientierte Entwicklungen

 

Prof. EDi Ofner

 

Praxis und Theorie im Schulbereich

 

 

Die von Wert-Impulse herausgegebene Reihe Wertorientierte Entwicklungen umfasst die wesentlichen Bereiche einer menschengerechten Lebensgestaltung. Praxis und Theorie im Schulbereich ist ein Teil davon. Gemeinsam mit Prof. Edi Ofner und dem Sozialforscher Prof. Dr. Hans Millendorfer sowie Prof. Dr. Adi Kastner, dem damaligen Direktor der landwirtschaftlichen Fach- und Berufsschule Edelhof im oberösterreichischen Zwettl dokumentiert Wert-Impulse den neu zu beschreitenden Weg des zukunftsorientierten Bildungswegs.

 

Für Prof. Ofner sind Bildungsprozesse nicht alleine das Speichern von Wissen, sondern er plädiert dafür das Lehren als Lernen aufzufassen. Probleme konkret formulieren und gemeinsame Lösungen finden machen uns zu Suchenden und Lernenden, die die Fähigkeit besitzen, Wissen zu erwerben und Lernprozesse zu leben. Das sind Voraussetzungen für zwischenmenschliche Begegnungen, für Lebenserfahrungen und wertvolle Lernimpulse innerhalb eines sozialen Prozesses. Bildung ist für eine wertorientierte Gesellschaftsentwicklung maßgeblich entscheidend.

 

Prof. Edi Ofner: erfahrener Pädagoge und Wegbereiter des sozialen Lernens

 

 

Bildung bedeutet nicht allein das Vermitteln von Wissen, sondern ist darüber hinaus Bestandteil einer Lebensbildung.

 

Prof. Ofner begann seine berufliche Laufbahn zunächst als Berufschullehrer 1950. Lange Zeit war er in der Buckligen Welt tätig und betreute parallel zum Schulbetrieb die Landjugend – Umgang und Kontakt mit Schülern auch außerhalb der Schule standen bei ihm stets im Vordergrund. In den Jahren darauf wirkte er in zahlreichen anderen landwirtschaftlichen Fortbildungsschulen. Dadurch lernte Prof. Ofner die unterschiedlichen Varianten der Schulen in ihrer gesamten Entwicklung kennen. Er war damals noch ein junger Lehrer und tatsächlich waren die meisten seiner Schüler älter als er selbst. Doch gerade diesem Umstand verdankte Prof. Ofner eine für die damalige Zeit noch neue Unterrichtsmethode. Anstatt des typischen Frontalunterrichts, gestaltete er den Unterricht als Dialog zwischen Lehrer und Schüler. Im Jahr 1964 wurde Prof. Ofner nach Wien versetzt und wurde Berufsschulinspektor. 1972 schließlich war er zuständig für die landwirtschaftlichen Fortbildungsschulen in Niederösterreich.

 

Prof. Ofner erzählt:

 

„Wir haben im landwirtschaftlichen Schulwesen zahlreiche Wandlungen miterlebt. Unsere Schüler kamen früher aus der Praxis und waren mindestens 16 Jahre alt. Zu Hause waren sie dazu angehalten mitzuarbeiten und stellten dem entsprechend im Unterricht gewisse Forderungen. Ich denke noch immer mit Freude an meine erste Unterrichtsstunde. Ich war damals 27 Jahre alte und der jüngste Schüler war über 30 und der älteste 50 Jahre alt. Als ich damals vor diesen Leuten stand, ist mir das Herz natürlich in die Hosen gefallen. Was soll ich denen erzählen, dachte ich mir. In meiner Not habe ich sie dann gefragt, woher sie kommen, was sie arbeiten und auf welche Art und Weise sie es tun. Da bin ich plötzlich darauf gekommen, dass das eine mögliche Unterrichtsform ist: Frag’ sie zuerst was sie können und was sie wollen! Und schon ließ sich der Unterricht relativ problemlos gestalten. Ich geriet allerdings in Schwierigkeiten in meinem Bereich als immer jüngere Schüler kamen, die keine Kenntnisse von der Praxis mitbrachten. Diese jungen Menschen waren zwar am Anfang recht motiviert. Wir Jugendlehrer mussten dann aber feststellen, dass nach einem Jahr die Motivation und das Interesse nachließ. Es war klar, dass man darauf reagieren musste. Wir haben die Lehrer zu Multiplikatoren ausgebildet, indem wir gesagt haben, dass sie nicht nur vortragen, reden und prüfen, sondern in Form von kleinen Seminaren unterrichten sollten. Die Schüler sollten zu unterschiedlichen Tätigkeiten ermuntert werden, die nicht nur das Wiederholen des Wissens beinhaltete, sondern auch Aufgaben ausführen, die sich beispielsweise bildlich darstellen ließen. Es ging also darum, andere Lernkanäle zu nutzen und damit neue Methoden des Unterrichtens anzuwenden, die den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Schüler entsprechen.“

 

 

 

Die Wende im Bildungssystem: Ganzheitlichkeit

 

Lernkonzepte, die Körper, Geist und Seele miteinander in Einklang bringen, erhöhen Wert und Effizienz der Bildung. Vor allem Projekt- und Kleingruppenarbeit sind dafür geeignete Unterrichtsmodelle.

 

Durch Kinder und Jugendliche werden wir mit dem jeweiligen Bildungssystem unserer Zeit konfrontiert. Auffällig in unserem Bildungswesen ist, dass die mittlere und höhere Ausbildung stets auf ein bestimmtes Fachgebiet abzielt. Es werden Spezialisten ausgebildet, denen die Bezüge und Verbindungen zu benachbarten Fachgebieten fehlen. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Ein junger Straßenbauer etwa kennt den genauen Vorgang wie eine neue Straße zu führen ist. Jedoch ist er sich nicht darüber im Klaren, dass er mit dem Bau das ökologische Gleichgewicht aus der Balance bringt. Diese notwendigen für eine ganzheitliche Gesellschaft übergreifenden Aspekte werden nicht vermittelt. Der Mangel an ganzheitlichem Denken und Handeln beeinträchtigt letzten Endes auch die Effizienz unserer Wirtschaft.

 

Als ein ganzheitliches Bildungssystem, das Körper, Geist und Seele in der Schule fördert, lässt sich dagegen die Arbeitsweise und die pädagogische Methodik von Prof. Ofner auffassen. Doch der Weg dahin und die Umsetzung dieses Denkens war mit Hindernissen verbunden. Hürden für Neues liegen sehr häufig beim Menschen selbst, denn er ist vorgeprägt und zum Teil auch manipuliert. Um neue Wege zu gehen, muss zunächst der Mensch verstanden werden. Nur so kann man ihn zu Veränderungen ermutigen, die von ihm selbst ausgehen. Die Schulung der Trainer und die Realisierung von neuen Lernkonzepten hat sich später nicht nur auf den schulischen Bereich ausgewirkt, sondern auch auf Prof. Ofners Tätigkeit bei politischen Institutionen.

 

Das damalige Bildungssystem hatte die Notwendigkeit der Ganzheitlichkeit für den Schulbereich noch nicht erkannt. Da man als Pädagoge selbst Teil dieses starren Systems war, musste man Veränderungen auch an sich selbst vornehmen. Eine Ausbildung zum Trainer für Gruppendynamik und andere Fortbildungen halfen Prof. Ofner dabei, einen ganzheitlichen Weg in der Pädagogik zu beschreiten. Er erlebte so die Wende im Schulbetrieb als Lernprozess bei sich selbst. Denn zum damaligen Zeitpunkt fasste man den Lehrer in erster Linie als einen Vortragenden auf, der Wissen einseitig vermittelte und darüber entschied, was richtig und was falsch war. Man übersah, dass auch der Geförderte ein selbstverständlicher Partner bei der Entwicklung von Projekten ist. Schließlich ist zu erwähnen, dass die Schulzeit für die Jugendlichen mit positiven Erlebnissen verbunden sein soll: ein Lernen mit Erlebnissen fördert die Motivation.

 

Der methodische Einstieg für ein Unterrichten dieser Art ist nicht immer leicht gewesen. So hatte sich Prof. Ofner ein Team aufgebaut, um neue Unterrichtsmodelle zu diskutieren und zu erproben. Darüber hinaus initiierte er Arbeitskreise, in denen sich sowohl Lehrer, Direktoren, die Schulaufsichten und Interessierte aus anderen Berufszweigen beteiligten. In der Zusammenarbeit mit Menschen unterschiedlicher Meinung lag die Herausforderung und gleichzeitig die Chance Neues zu wagen und zu realisieren. An dieser Stelle ist die Psychologin Frau Dr. Anneliese Fuchs1 und der Sozialforscher Prof. Dr. Hans Millendorfer2 zu erwähnen, die für viele wegweisenden Impulse verantwortlich gewesen sind.

 

Die Lehrer selbst erlernten für den neuen Unterrichtsstil in einer so genannten Multiplikatorenausbildung unter anderem Argumentations- und Moderations- techniken und selbstständiges Arbeiten. Das ermöglichte die erfolgreiche Anwendung von Projektarbeit und von Fallbeispielen im und außerhalb des Unterrichts. War der Lehrer als Projektleiter überzeugend, wirkte sich dies auf die Motivation der gesamten Klasse aus. Rückblickend stellen Prof. Ofner und seine Mitarbeiter fest, dass vor allem die Arbeit in Kleingruppen von großer Bedeutung gewesen ist, weil dies Motivation und neue Initiativen freisetzte. Diese positiven Erfahrungen und Ergebnisse führten dazu, dass in den Jahren darauf eine große Anzahl der landwirtschaftlichen Schulen eine beratende Funktion in Gemeinden einnahmen.

 

Es ist hinzufügen, dass in Niederösterreich die Vorbedingungen für eine neue Ausrichtung im Schulwesen sehr gut gewesen sind. Denn die Lehrer sind gleichzeitig auch Berater; d.h. die Lehrer helfen bei der Kammerberatung in allen Fachbereichen mit. Ebenso sind sie Betreuer bei der Landjugend und engagieren sich bei kulturellen Freizeitaktivitäten.

 

Die Neue Schule: Schüler und Lehrer als Partner

 

Der permanente Wechsel von Theorie und Praxis in der Ausbildung verknüpft Wissensvermittlung mit beruflicher Wirklichkeit. Lehrer und Schüler übernehmen gemeinsam Aufgaben. Das fördert Motivation, Eigeninitiative und soziale Kompetenz.

 

Die Notwendigkeit Jugendliche ausreichend in ihrer sozialen Kompetenz auszubilden, wird daran deutlich, dass Berufsanfänger häufig nicht in der Lage sind, Situationen zu meistern, in denen die Kommunikation eine ausschlaggebende Rolle spielen. Besonders auffällig ist dies in der Arbeitswelt von Unternehmen. Die jungen Menschen haben zwar eine fundierte Ausbildung genossen und viel Wissen gespeichert, aber im sozialen Umgang mit Mitarbeitern und Vorgesetzten im Unternehmen ist ein beträchtliches Defizit festzustellen. In ihren Ausbildungs- und Studienjahren haben sie nie eine Chance bekommen, die sie auf darauf vorbereitet hätte, bei prekären Situationen mit Kollegen adäquat und konstruktiv zu handeln. Das Bildungssystem ist daher mitverantwortlich, den nachfolgenden Generationen auch Teamfähigkeit, Eigeninitiative und Toleranz mit auf den Weg zu geben.

 

Die erfolgreiche gemeinsame Arbeit zwischen Lehrern und Schülern im landwirtschaftlichen Schulbereich – so wie von Prof. Ofner gefordert und beispielhaft in die Praxis umgesetzt – ist daher für andere Ausbildungsbereiche vorbildhaft. Die Wirklichkeitsfremdheit, wie so oft im Schulbereich festzustellen, ist hier nicht gegeben. Sowohl der Lehrer als auch der Schüler befinden sich in einem permanenten Prozess von Theorie und Praxis. Konkret heißt das, dass im ersten und zweiten Jahr der Ausbildung der Lehrer nicht nur die Schüler unterrichtet, sondern mit ihnen auf dem Bauernhof ist – also dort wo der junge Mensch den praktischen Teil seiner Ausbildung absolviert. Im dritten Jahr, der ausschließlich die Praxis betrifft, ist der Lehrer ebenfalls anwesend. Hierbei kommt der ganzheitliche Aspekt besonders zum Tragen. Lehrer und Schüler übernehmen gemeinsam Aufgaben, die die Betreuung des Hofs auch in wirtschaftlicher Hinsicht betreffen. Idealerweise erarbeiten sie Lösungen, die mit dem sozialen Umfeld und der Gemeinde im weiteren Sinne zu tun haben: darunter zählen auch mögliche Krankheiten oder Sozialfälle im Betrieb eines Bauern.

 

Die Schüler erfassen diese neue Schulform rasch. Sie erkennen, dass es nicht allein um das Geld geht, dass sie verdienen. Generell sollte für die Zukunft gelten: Zuerst die Bildung, dann das Geld. Die Auszubildenden sind motiviert, wenn sie in der Familie des Bauern einen guten Anschluss finden und in allen Bereichen des Hofes mitarbeiten können. Dass er in alle Arbeitsvorgänge miteinbezogen wird, erhöht seine Lernfähigkeit im fachlichen wie auch im sozialen Bereich.

 

Der Lehrer wird bei diesem System sehr gefordert, denn er muss sozusagen mit den praktischen Fähigkeiten seiner Schüler mithalten und in der Lage sein, das Erlernte im Unterricht mit der Praxis zu verknüpfen. Es kommt jedoch noch ein weiterer Aspekt hinzu. Die Schüler werden jünger, weil sie ihre Ausbildung mitttlerweile früher als in den vergangenen Jahrzehnten beginnen. Eine hohe Flexibilität der Lehrer ist notwendig, um den Unterricht den jeweiligen Anforderungen anzupassen. Auch bringen die Schüler aufgrund ihres jungen Alters weniger Praxis mit, die während der landwirtschaftlichen Ausbildung nachgeholt werden muss.

 

Das vierte und letzte Jahr der Ausbildung – genauer gesagt des Betriebsförderlehrgangs mit anschließender Meisterprüfung – setzt zum Einen den Schwerpunkt auf die Analyse der praktischen Erfahrungen des dritten Jahres. Probleme werden aufgezeigt und aufgearbeitet. Durch geeignete Modelle werden Schülern darauf hingeführt, wie sie selbst Möglichkeiten zur Verbesserung beitragen können. Zum Anderen werden die jungen Menschen gezielt auf die Führung eines Betriebes vorbereitet. Auch hier stehen zahlreiche neue Methoden und Modelle zur Verfügung einschließlich der Nutzung und dem Umgang mit entsprechenden Computerprogrammen. Die landwirtschaftlichen Schulen haben auch hinsichtlich des Prüfungsverfahrens neue Regelungen eingeführt. So wird die theoretische Abschlussprüfung in einzelne Bereiche aufgeteilt und kann vom Schüler innerhalb der vier Jahren in Form von Teilprüfungen absolviert werden.

 

Berufsschule Edelhof – Musterschule und Vorbildfunktion

 

 

Bildungsarbeit in der Schule, Entwicklungsarbeit in der Gemeinde und Beraterfunktion in Kammern: Edelhof ist Impulsgeber für Regionen und darüber hinaus.

 

 

Zur Geschichte: Der Edelhof war früher Gutsbesitz des Zwettler Stifts. Im Jahr 1873 übernahm die K.u.k Monarchie den Edelhof als Ackerbauschule und bildete dort angehende Gutsverwalter aus. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Edelhof als Schule für die bäuerliche Jugend weiter ausgebaut. Seit 1978 ist der Edelhof als ganzjährige landwirtschaftliche Berufs- und Fachschule in Betrieb. Durch die Konzentrierung mehrerer Schultypen ist der Edelhof heute das größte landwirtschaftliche Ausbildungszentrum Österreichs. Im Rahmen der letzten Bildungsreformen werden neben der Ausbildung zum bäuerlichen Betriebswirt auch die Ausbildungsbereiche Wald- und Forstwirtschaft sowie die Pferdewirtschaft intensiviert.

 

Die landwirtschaftliche Berufsschule Edelhof ist ein herausragendes Beispiel für einen neu ausgerichteten ganzheitlichen Schulbetrieb. Die Schule Edelhof kann als eine Musterschule betrachtet werden. Unter der Leitung des dortigen Direktors und Landesbeauftragten für das Waldviertel Prof. Adi Kastner, einem Weggefährten Prof. Ofners, sind neue Lernkonzepte und alternative Unterrichtsmodelle erfolgreich verwirklicht worden. Nicht nur, dass jeder Lehrer in seinem Freizeitbereich bestimmte Aufgaben übernimmt, dass er gemeinsam mit den Jugendlichen Bildungsarbeit leistet – sondern darüber hinaus ist er an der Entwicklungsarbeit beispielsweise für Dorferneuerung beteiligt. Durch die Zusammenarbeit von Lehrern, Schülern und der Schulleitung geschieht im weitesten Sinne eine Weiterbildung für die Bevölkerung. Es spricht für sich, dass an manchen Veranstaltungen des Edelhofs bis zu 5000 Besucher kommen, um neue Modelle und Konzepte für den Bildungsbereich und Gesellschaftsentwicklung kennen zu lernen. Die Schule Edelhof ist Innovationsmotor und Impulsgeber für Gemeinden und Regionen.

 

Nach dem Modell des Edelhofs können so gesamte Regionen saniert werden. Die Schule geht damit weit über ihre gewöhnlichen Aufgabenbereich hinaus: sie bildet nicht nur aus, sondern sie nimmt eine beratende Funktion in der Gesellschaft ein. Die Schule Edelhof hat unterschiedliche bildungsgesellschaftliche und wirtschaftliche Projekte in ländlichen Gemeinden realisiert. Zu nennen ist unter anderem ein Modell für die Direktvermarktung bäuerlicher Produkte. Der Bauer wird mit entsprechenden Know-how unterstützt, so dass er seine Produkte mit Mehrwertschöpfung auf den Markt bringen kann.

 

 

 

Bildungsimpulse und wertorientierte Gesellschaftsentwicklung

 

 

 

Für ein erfolgreiches Lernen und für eine wertorientierte Entwicklung der Gesellschaft stehen drei Bereiche im Vordergrund: Sachorientierung, Zielorientierung und Beziehungsorientierung.

 

Ausgehend von der beratenden Funktion, die die landwirtschaftlichen Schulen in Gemeinden wahrnehmen, führten Prof. Ofner und seine Kollegen eine Befragung für den Agrarbereich durch. Gemeinsam mit 800 Schülern wurden 8000 Interviews gesammelt und aufgearbeitet. Befragt wurden sowohl die Schüler selbst, als auch deren Eltern und andere Beteiligte im landwirtschaftlichen Bereich. Auf der Grundlage der Interviews und Diskussionen auch mit Schülervertretern wurden Ergebnisse zusammengefasst, die nicht nur für die landwirtschaftliche Ausbildung, sondern auch für eine wertorientierte Gesellschaftsentwicklung von entscheidender Bedeutung sind.

 

Den Menschen als Individuum in seiner Ganzheitlichkeit zu erfassen, war dabei zentrales Ergebnis. Den Menschen mit Hirn, Herz und Hand oder mit Körper, Geist und Seele zu begreifen, ist notwendiges Kriterium, um klare Ziele für Bildung und Wirtschaft, für die die Bildung letzten Endes auch eintreten soll, zu setzen. Im Einzelnen zeigte die Befragung, dass der sachorientierte Bereich wie das Arbeiten und das Lernen mit der Forderung nach einer breiteren Allgemeinbildung einherging. Deutlich wurde ebenso, dass fördereigene Ideen und Initiativen eine wichtige Rolle im Schulwesen einnehmen müssen. Das verbessert Operations- und Innovationsfähigkeit. Darüber hinaus wurde die Vermittlung von technischem Wissen und den Grundlagen in den neueren Technologien gefordert. Die Fähigkeit zu mathematischen Denken und zum Systemdenken gehören hier ebenso hin. Überraschendes Ergebnis der Befragungen war jedoch die Betonung des zweiten Bereichs, nämlich den der sozialen Beziehungen. Offene Kommunikation, partnerschaftliche Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis sind dafür ausschlaggebend, um Problemlösungs- und Organisationsfähigkeit zu erlernen. Durch die Ergebnisse der Befragung trat schließlich ein dritter Bereich hervor, bei dem die Zielorientierung in den Vordergrund rückte. Wer sich zu viele und zu hohe Ziele auf einmal setzt, wird sie nicht erreichen können und dabei frustriert sein. Denn nicht alle Aufgaben und Tätigkeiten können gleichzeitig bewältigt werden. Deshalb ist eine Orientierung an erreichbaren und damit kleineren Zielen wichtig. Dadurch wird gelernt, dass Prioritäten gesetzt werden müssen.

 

 

 

Ganzheitliche Bildung bedeutet nicht nur Wissensvermittlung mit neuen Lernkonzepten, sondern auch Lebensbildung – für eine nachhaltige Gesellschaftsentwicklung.

 

Durch diesen Forderungskatalog wird deutlich, dass Bildung nicht allein Wissensvermittlung bedeutet, sondern auch Lebensbildung in einem ganzheitlichen Verständnis. Die Schule ist ein offenes Haus. Sie darf kein Selbstzweck sein, sondern der Schüler steht im Mittelpunkt. Und gemeinsam mit ihm sollen sich Eltern und Lehrer weiterentwickeln, um eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft für die Zukunft zu sichern. Das Bildungssystem im engeren und die Gesellschaft im weiteren Sinne müssen diesen Weg weiter voranschreiten. Nur so werden wir wieder positiv denkende Menschen, die den Werteverlust und die Orientierungslosigkeit unserer Zeit überwinden können.

 

 

 

Wie können wir die Gesellschaft ändern?

 

 

 

Den Menschen zu einem Umdenken zu veranlassen bedeutet zunächst ihn in seiner Gesamtheit zu begreifen.

 

Um Veränderungen in unserer Gesellschaft zu bewirken, müssen wir lernen, selbstständig und eigenverantwortlich zu denken und zu handeln. Im Leben muss daher jeder Einzelne lernen, die Augen aufzumachen – im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinn. Wer die Augen nicht öffnet, wird nicht sehen. Er wird nicht erkennen, welchen Weg er beschreiten und welchen Werten er folgen soll.

 

Für den Lehrer, Ausbilder oder Seminarleiter bedeutet das, dass auch er nur mit offenen Augen den ganzen Menschen mit seinen Eigenschaften, seiner Persönlichkeit und seinen Bedürfnissen begreift. Es gilt, die Bedürfnisse des Menschen anzusprechen, um ihn für ein Umdenken zu sensibilisieren. Dafür jedoch müssen die Bedürfnisse des Einzelnen an den Tag gebracht werden; der Betreffende muss dies als Lernprozess bei sich selbst erleben. Für manche Menschen ist das eine schmerzliche Erfahrung, weil ihnen erst etwas für sie Selbstverständliches genommen werden muss, was sie daran hindert, sich überhaupt ihrer eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden.

 

 

Das Leben ist als eine Reise zu betrachten und sie beginnt mit der Geburt. Dieser erste Schritt ist der schwierigste und schmerzvollste. Doch dann ist die Reise unaufhaltsam und ein Ereignis folgt dem nächsten. Wir beobachten die Umwelt mit kindlicher Neugierde und machen Erfahrungen unterschiedlichster Art, die uns prägen und heranbilden. Im späteren Leben glauben wir dagegen allzu häufig an Hindernissen beruflicher und privater Art zu scheitern. Hindernisse und Probleme im Leben sind jedoch Zeichen dafür, dass wir an unserem Zustand etwas ändern müssen. Doch wenn wir unsere Augen öffnen, erkennen wir darin die Chance und die Herausforderung, um das Leben in der Gesellschaft in seiner ganzheitlichen Dimension zu begreifen und zu gestalten.

 

 

 

 

 

1 Dr. Anneliese Fuchs, Psychologin. Sie hat sich einen Namen gemacht vor allem durch Veröffentlichungen und Diskussionen über die Position der Frau in der Gesellschaft.

 

2 Prof. Dr. Hans Millendorfer., Sozialforscher. Bekannt geworden als Begründer des ökokulturellen Wegs in Österreich. Gründer des Forschungsinstitutes STUDIA, das Zukunftsprognosen erstellt.